Donnerstag, 5. August 2010

Gerard Donovan: Winter in Maine (Luchterhand)

Lang ist der Winter in den Wäldern von Maine, kalt und einsam. Bislang hat das Julius Winsome nicht gestört; er lebte schon lange allein inmitten der Bücher seines Vaters. Gesellschaft leistete ihm nur sein Pitbullterrier Hobbes. Doch dann wird der Hund erschossen - absichtlich, meint Julius. Und begibt sich nun seinerseits auf die Jagd nach dem Hundemörder. 
Eine brutale, verstörende Geschichte, handwerklich ungeheuer gut gemacht. Man kann gar nicht wieder aufhören zu lesen. 

Prädikat: ****

Johann Peter Hebel: Unverhofftes Wiedersehen (Diogenes)

Die alten Geschichten sind doch oft die besten. Diese hier hat Johann Peter Hebel, Direktor am Karlsruher Gymnasium, für den "Rheinischen Hausfreund" geschrieben, einen Kalender. Eine Auswahl davon er- schien 1811 unter dem Titel "Schatzkästlein des rheinischen Hausfreunds", und die wiederum schönsten davon enthält dieses Büchlein.
Die Geschichten vermitteln auf kunstvolle Art und Weise Lebensweisheit und Moral. Wer darauf achtet, der wird zudem feststellen, dass sie auch in ihrer sprachlichen Gestaltung kleine Meisterwerke sind, die nicht leicht ihresgleichen haben. Wunderbar! So etwas sollte eigentlich in der Schule gelesen werden.

Prädikat: *****

Sonntag, 1. August 2010

Chuck Hogan: Mördermond (Heyne)

Don Maddox kehrt nach Black Falls zurück, und nimmt in dem zunehmend herunter- kommenden Städtchen eine Stelle als Hilfspolizist an. Der einzige, der diese Entscheidung versteht, ist der frühere Polizeichef des Ortes. Denn er weiß, dass in Black Falls Dinge geschehen, die besser nicht geschehen sollten.
Und er weiß, welchen Job Don eigentlich hat: Er ist ein verdeckter Ermittler. Black Falls ist als Umschlagplatz von Designer- drogen aufgefallen. Maddox soll den Drogensumpf trockenlegen, und außerdem in dem Städtchen wieder für Recht und Ordnung sorgen. Denn auch die örtliche Polizei gleicht mittlerweile eher einer Räuberbande. 
Der Leser ahnt bald, dass die beiden Aufgaben untrennbar mit- einander verknüpft sind. Doch wie die Machtverhältnisse in Black Falls wirklich aussehen, das deckt Chuck Hogan in seinem Roman erst sehr spät auf - und so bleibt dieser Krimi, in dem es natürlich auch Leichen gibt, spannend bis zum Schluss. 

Prädikat: ***

Corina Bomann: Das Krähenweib (Knaur)

Als Annalena Habrecht 1701 in Berlin den Apothekerlehrling Johann Friedrich Böttger kennenlernt, ist das Liebe auf den ersten Blick. Doch Böttger hat noch eine zweite Leidenschaft: Die Alchemie. Schon bald kommt in Berlin das Gerücht auf, er könne Gold erzeugen. Dafür interessiert sich prompt auch der König von Preußen, dem der vermeintliche "Goldmacher" gerade noch so entkommen kann. 
Böttger flüchtet nach Sachsen - und dort wird er umgehend von den Beamten Augusts des Starken festgesetzt. Denn auch der Kurfürst möchte seine Kassen auffüllen. Schlechte Voraussetzungen für eine Liebesbeziehung. Die Rahmenerzählung allerdings, die Annalena obendrein als Henkerstochter vorstellt, die mit einem Henkersknecht verheiratet ist und von diesem so lange gequält und verfolgt wird, bis sie ihn erschlägt, verkompliziert die Geschichte nur unnötig. Zum eigentlichen Geschehen trät sie wenig bei, und zusätzliche Spannung baut sie auch nicht auf.
Ein halbwegs solide erzählter Historienroman, mit herzigen Stellen für Liebhaberinnen derartiger Liebesgeschichten. 

Prädikat: **

Alexandra von Grote: Der tote Junge aus der Seine (Heyne)

Die Leiche eines Kindes wird aus der Seine gefischt. Hände und Füße des Knaben sind gefesselt; er wurde im Meerwasser ertränkt, und zuvor brachial misshandelt und vergewaltigt, stellt die Gerichtsmedizin fest.
Doch die Polizei kommt nicht weiter. Denn der Unbekannte wird nirgends vermisst. Ein zweiter Kriminalfall bringt die Beamten dann allerdings auf eine interessante Spur: Ein bekannter Fernsehmoderator wird erschla- gen in einer Herrentoilette aufgefunden. Was sie bei den Ermitt- lungen herausfinden, das ist ebenso unappetitlich wie erschütternd. Dieser Fall führt Kommissar LaBréa und seine Kollegen in die höchsten Kreise der Pariser Gesellschaft.
Ein spannender Krimi, routiniert erzählt.

Prädikat: ***

Tomasz Rózycki: Zwölf Stationen (Luchterhand)

Ein Heldenepos aus dem modernen Polen: Eigentlich wollte der Erzähler ja nur seine alte Großmutter besuchen, in Opole, "irgendwo an der Grenze zwischen Grober- und Biederschlesien". Doch dann gibt's nicht nur Piroggen für den Enkel, sondern auch einen Auftrag. Der namenlose Held soll die Verwandtschaft zusammentrommeln, die heute weit verstreut lebt, und mit allen in die Heimat zurückkehren, aus der sie zum Kriegsende vertrieben worden sind.
Dieses Poem ist ebenso furios wie grotesk. Es bricht über den Leser herein mit der Gewalt einer Flutwelle, und zwingt regelrecht zum Umblättern - Rózycki überwältigt mit seiner Fabulierkunst, seiner Ironie und seiner Sprachkraft. 

Prädikat: ****

René Goscinny /Jean-Jacques Sempé: Der kleine Nick ist wieder da! (Diogenes)

45 Geschichten vom kleinen Nick hat Anne Goscinny, die Tochter von René Goscinny, aus dem Archiv ihres Vaters heraus- gesucht. Sie sind zwischen 1959 und 1965 im Sud-Ouest Dimanche und im Pilote erschienen. Und Jean-Jacques Sempé hat noch einmal den Zeichenstift gezückt und all jene Geschichten, zu denen keine Zeichnungen mehr vorhanden waren, neu illustriert.
Darüber haben sich nicht nur unsere Kinder gefreut. Denn Nick erweist sich erneut als kleiner Philosoph, der insbesondere die Welt der großen Leute erstaunlich hellsichtig betrachtet. So macht das Vorlesen auch den Erwachsenen Spaß, und lernen kann man aus diesen Geschichten sowieso eine ganze Menge.
Die Kinderchen freuen sich, weil es auch in anderen Familien mitunter ziemlich unpädagogisch zugeht. Kichernd stellen sie fest, dass sich selbst die besten Freunde gelegentlich zusammenraufen müssen. Und die Eltern merken schnell, dass man nicht immer jedes Problemchen auf die Goldwaage legen muss: Wo gehobelt wird, da fallen halt Späne. 

Prädikat: *****