Ein Roman der Superlative: Knapp tausend Seiten, so viele Helden, dass man zu tun hat, den Überblick zu behalten, ein gutes Dutzend Schauplätze – und sechs Jahre Krieg. Julia Kröhn erzählt, unter ihrem Pseudonym Kiera Brennan, in diesem grandiosen Historienepos von der Normannen-Invasion in Irland. Alles ist hier groß – die Gewalt, der Hass, und das Blut- vergießen. Nur die eroberten Ländereien, die bleiben winzig.
Dieses Buch fühlt sich an, als wäre man in eine gruslige Fantasy-Saga geraten. Das ist kein Wunder, denn die Männer, über die berichtet wird, falls nicht Barden oder Priester, sind roh und vom Kampf abgestumpft. Im zwölften Jahrhundert hatte Irland viele kleine Herrscher, die sich unermüdlich bekriegten. Doch während die irischen Recken mit Leidenschaft ihre Machtkämpfe als langjährige Fehden untereinander ausfechten, fällt Henry Plantagenet, Herzog der Normandie und König von England, mit seinen Truppen im Osten Irlands ein. Die Autorin schreibt gekonnt, sie schildert das Geschehen drastisch und dramatisch. Mit der Geschichte der Grünen Insel hat sie sich offenbar gründlich beschäftigt, und ihre Beschreibungen von Städten und Landstrichen zeugen von zahlreichen Reisen durch Irland. Der Leser darf gespannt sein, ob es irgendwann eine Fortsetzung geben wird. Zu erzählen jedenfalls wäre noch einiges.
Prädikat: ****
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Mittwoch, 7. Dezember 2016
Montag, 24. Oktober 2016
Sabine Eichhorst: Die Liebe meines Vaters (Knaur)
Als Loris Schorb 1930 in Budapest aus dem Zug steigt, ist er überwältigt von der Stadt mit ihren vielen Brücken, dem pulsierenden Leben und den freundlichen Menschen. Immer wieder reist er an die Donau – bis dann der Krieg zu Entscheidungen zwingt.
Ende der 50er Jahre verliebt sich in München die junge Maria in den Ungarn Dénes. Als sie ihm eines Tages alte Familienfotos zeigt, erkennt er darauf seine Tante Éva. Der Mann an ihrer Seite ist Marias Vater Loris. Doch er ist im Krieg verschollen, und daher müssen die jungen Leute versuchen, auf anderem Wege Antworten auf die vielen Fragen zu finden, die sich für sie aus diesem Foto ergeben. Die Geschichte einer großen Liebe, die leider nicht glücklich endet, gekonnt erzählt von Sabine Eichhorn.
Prädikat: ***
Ende der 50er Jahre verliebt sich in München die junge Maria in den Ungarn Dénes. Als sie ihm eines Tages alte Familienfotos zeigt, erkennt er darauf seine Tante Éva. Der Mann an ihrer Seite ist Marias Vater Loris. Doch er ist im Krieg verschollen, und daher müssen die jungen Leute versuchen, auf anderem Wege Antworten auf die vielen Fragen zu finden, die sich für sie aus diesem Foto ergeben. Die Geschichte einer großen Liebe, die leider nicht glücklich endet, gekonnt erzählt von Sabine Eichhorn.
Prädikat: ***
Dienstag, 11. Oktober 2016
Lilli Gruber: Der Sturm (Droemer)
Hella Rizzoli muss sich entscheiden: Wenn sie weiter auf dem Gut ihrer Familie in Südtirol leben will, dann wird sie zwangsweise zur Italienerin. Die Optanten, die sich dafür entschieden haben, Deutsche zu bleiben, müssen die Heimat verlassen. Sie werden umgesiedelt – was jedoch nicht immer positiv verläuft, wie sich allmählich herumspricht. Die Männer ziehen in den Krieg. Und die Frauen müssen die Lasten jener harten Jahre allein tragen.
Lilli Gruber hat in diesem Roman aufge- schrieben, wie ihre Familie die Kriegsjahre erlebte. Dabei konnte sie auf zahlreiche Dokumente zurückgreifen. Denn Hella Rizzoli war die Großtante der Journalistin. Ihr Schicksal zeigt, warum viele Südtiroler große Hoffnungen auf Hitler setzten – und wie hart sie sich damit täuschten.
Die Autorin hatte bereits in Das Erbe auf die Auswirkungen der Teilung Tirols nach dem Ersten Weltkrieg aufmerksam gemacht. In Der Sturm erzählt sie erneut auf höchst lebendige Weise europäische Geschichte, die außerhalb der betroffenen Region bislang wohl nur von Historikern wahrgenommen worden ist.
Prädikat: ****
Lilli Gruber hat in diesem Roman aufge- schrieben, wie ihre Familie die Kriegsjahre erlebte. Dabei konnte sie auf zahlreiche Dokumente zurückgreifen. Denn Hella Rizzoli war die Großtante der Journalistin. Ihr Schicksal zeigt, warum viele Südtiroler große Hoffnungen auf Hitler setzten – und wie hart sie sich damit täuschten.
Die Autorin hatte bereits in Das Erbe auf die Auswirkungen der Teilung Tirols nach dem Ersten Weltkrieg aufmerksam gemacht. In Der Sturm erzählt sie erneut auf höchst lebendige Weise europäische Geschichte, die außerhalb der betroffenen Region bislang wohl nur von Historikern wahrgenommen worden ist.
Prädikat: ****
Freitag, 5. Februar 2016
Lilli Gruber: Das Erbe (Droemer)
In Pinzon ist sie zur Welt gekommen, in diesem kleinen Dorf hat sie – abgesehen von ihrer Ausbildung im Internat der Englischen Fräulein in Brixen und von wenigen kurzen Reisen – ihr ganzes Leben verbracht, und dort liegt sie auch begra- ben. Rosa Rizzoli, geborene Tiefenthaler, war die Urgroßmutter der Journalistin Lilli Gruber. Geboren wurde sie 1877; damals gehörte ihre Heimat Tirol noch zu Öster- reich-Ungarn: Man sprich Deutsch, und isst Knödel und Sachertorte.
Die Familie ist vermögend; Rosa trägt Verantwortung nicht nur für ihre Familie, sondern auch für das Gut, die Dienstboten und die Mägde und Knechte. Lilli Gruber hat ihre Urgroßmutter, die 1940 gestorben ist, niemals kennengelernt; umso mehr interessiert sie sich für die Berichte und Gedanken, die sie ihren Tagebüchern anvertraut hat. Ihre Aufzeichnungen beginnen im Jahre 1902 und brechen Weih- nachten 1939 ab.
In diesem Zeitraum hat sich in dieser Region vieles verändert: 1918 wurde Südtirol bis hinauf zum Brenner Italien zugeschlagen. Für die Südtiroler war dies ein Trauma; Lilli Gruber beschreibt anhand der Notizen ihrer Urgroßmutter, wie stark die Politik sich bis in die Familien hinein auswirkte. Geschichte, lebendig und lehrreich ver- mittelt – ein Buch, das beeindruckt und betroffen macht.
Prädikat: ****
Die Familie ist vermögend; Rosa trägt Verantwortung nicht nur für ihre Familie, sondern auch für das Gut, die Dienstboten und die Mägde und Knechte. Lilli Gruber hat ihre Urgroßmutter, die 1940 gestorben ist, niemals kennengelernt; umso mehr interessiert sie sich für die Berichte und Gedanken, die sie ihren Tagebüchern anvertraut hat. Ihre Aufzeichnungen beginnen im Jahre 1902 und brechen Weih- nachten 1939 ab.
In diesem Zeitraum hat sich in dieser Region vieles verändert: 1918 wurde Südtirol bis hinauf zum Brenner Italien zugeschlagen. Für die Südtiroler war dies ein Trauma; Lilli Gruber beschreibt anhand der Notizen ihrer Urgroßmutter, wie stark die Politik sich bis in die Familien hinein auswirkte. Geschichte, lebendig und lehrreich ver- mittelt – ein Buch, das beeindruckt und betroffen macht.
Prädikat: ****
Freitag, 8. Januar 2016
Jung Chang: Wilde Schwäne (Droemer)
Von den Frauen ihrer Familie und ihrem Leben in China berichtet Jung Chang. Noch ihre Großmutter hatte gebundene Füße. Sie war die Tochter eines Polizeibeamten aus der Mandschurei, und wurde 1924 die Konkubine eines Provinzgenerals. Nach seinem Tode heiratete sie einen Arzt. In den Wirren der damaligen Zeit, mit wechselnden Herrschern – Japanern, Russen, den Kuomintang – wuchs ihre Mutter auf. Sie lernte fleißig, und wurde eine Revolutionärin. Sie heiratete dann auch einen hohen Funktionär, was die Familie allerdings nicht schützte, als Mao erst den „Großen Sprung“ ausrief, und dann die Kulturrevolution. Jung Chang, selbst einst Mitglied der „Roten Garden“, zeigt in ihrem Buch, wie durch die rücksichtslose Umsetzung politischer Ideen Millionen Menschen ums Leben kommen, und welches Leid die Überlebenden zu ertragen haben. Vieles deutet sie nur an – doch es bleibt schrecklich genug. Wer etwas über die Geschichte Chinas in den letzten hundert Jahren lernen möchte, der muss dieses Buch unbedingt lesen.
Prädikat: *****
Prädikat: *****
Arnold van de Laar: Schnitt! (Pattloch)
Mut, Autorität, Wissen, Geschick und Erfahrung – so beschreibt Arnold van de Laar die Voraussetzungen für einen Beruf, der erstaunlich alt ist: Auch wenn er noch nicht so hieß – aber ein cheirourgos, abgeleitet von cheiros für Hand und ergon für Werk/Arbeit, wird wohl schon in prähistorischer Zeit Wunden, Abszesse und Knochenbrüche versorgt haben.
Anhand von 28 Operationen erzählt der niederländische Chirurg die Geschichte seines Faches. Vom Steinschneiden und der Wundversorgung auf dem Schlachtfeld, in den dunklen Anfangszeiten der Chirurgie, als noch ohne Betäubung amputiert wurde, bis hin zur modernen minimalinvasiven Operation erläutert er, was genau geschieht und worauf es dabei ankommt. Und damit sein Buch nicht nur interessant ist, sondern auch unterhaltsam, hat van de Laar dafür einige berühmte Fälle ausgewählt, vom persischen König Darius über Präsident Kennedy bis hin zu Papst Johannes Paul II.
Prädikat: *****
Anhand von 28 Operationen erzählt der niederländische Chirurg die Geschichte seines Faches. Vom Steinschneiden und der Wundversorgung auf dem Schlachtfeld, in den dunklen Anfangszeiten der Chirurgie, als noch ohne Betäubung amputiert wurde, bis hin zur modernen minimalinvasiven Operation erläutert er, was genau geschieht und worauf es dabei ankommt. Und damit sein Buch nicht nur interessant ist, sondern auch unterhaltsam, hat van de Laar dafür einige berühmte Fälle ausgewählt, vom persischen König Darius über Präsident Kennedy bis hin zu Papst Johannes Paul II.
Prädikat: *****
Alex Kershaw: Der Befreier (dtv)
Der Autor ging auf die Spurensuche – und zeichnet in diesem Buch das Porträt eines außergewöhnlichen Menschen: Felix Sparks (1917 bis 2007) stammte aus einer bitterarmen Bergarbeiterfamilie in Arizona. Er ging zur Army, weil er zur Zeit der Depression keine Arbeit fand. Sparks studierte Jura; er wurde erneut einberufen, als die USA 1941 in den Krieg eintraten. Und er kämpfte in Europa buchstäblich vom ersten bis zum letzten Tag: Sparks nahm teil an der Landung auf Sizilien 1943. Er war der einzige Überlebende seiner Einheit bei der Schlacht von Anzio, er überlebte die deutsche Ardennenoffensive, den Häuserkampf in Aschaffenburg und kommandierte die Einheit, die Dachau befreite.
Warum verhinderte er die Ermordung der SS-Männer, obwohl seine Soldaten doch gerade eben bei der Befreiung des Konzentrationslagers furchtbare Dinge erlebt und gesehen hatten? Wie kann man über 500 Tage in einem brutalen Krieg verbringen, und dennoch in einer sol- chen Situation seine Menschlichkeit bewahren? Eine beeindruckende Romanbiographie – und eines der wichtigsten Bücher über den Zweiten Weltkrieg überhaupt.
Prädikat: *****
Dienstag, 5. Januar 2016
Martin Walker: Schatten an der Wand (Diogenes)
Ein seltsames Fundstück soll eine Kunsthistorikerin in einem Londoner Auktionshaus untersuchen. Es ist ein Stein mit einer Höhlenzeichnung, und er stammt nicht, wie die junge Frau zuerst denkt, aus den Höhlen von Lascaux. Die Spuren führen ins Périgord, und wer ihnen folgt, der kommt Leuten aus den höchsten Kreisen in die Quere. Martin Walker berichtet in seinem frühen Roman von der Entstehung eines prähistorischen Kunstwerkes, und von einem Verbrechen zur Zeit der Résistance, das nachwirkt bis in die Gegenwart. Gekonnt erzählt, und auch inhaltlich überzeugend.
Prädikat: ****
Prädikat: ****
Freitag, 29. Mai 2015
Franz Hohler: Gleis 4 (Luchterhand)
Verreisen wollte Isabelle, für ein paar Tage in den Urlaub nach Italien. Ein älterer Herr ist so freundlich, ihr den Koffer die Treppe zu den Bahngleisen hinaufzutragen. Dort angekommen, bricht er jedoch plötzlich tot zusammen. An Abreise ist nicht mehr zu denken, und in der allgemeinen Verwirrung nimmt Isabell versehentlich eine Mappe an sich. Darin befindet sich das Mobiltelefon des Verstorbenen, und natürlich klingelt es. Isabelle begibt sich auf die Suche nach den Hinterbliebenen, und mehr und mehr interessiert sie sich für den Lebensweg des Toten. Seine Spuren freilich sind gar nicht so leicht aufzufinden. Franz Hohler hat einen faszinierenden Roman voller überraschender Wendungen geschaffen – der zudem ein höchst verblüffendes Kapitel aus der Geschichte der Schweiz erzählt. Unbedingt lesen!
Prädikat: ****
Prädikat: ****
Montag, 26. Januar 2015
Susanne Schädlich: Herr Hübner und die sibirische Nachtigall (Droemer)
Susanne Schädlich erzählt in diesem Roman zwei reale Biographien aus der DDR. Sie beginnt im Jahre 1948. In Dresden, in einem Gefängnis der sowjetischen Militäradmini- stration, verständigen sich zwei Gefangene mit Hilfe von Klopfzeichen durch die Zellenwand: Dietrich Hübner (21), engagiertes Mitglied der Liberaldemo- kratischen Partei, und Mara Jakisch (43), Operettensängerin und Filmschauspielerin.
Nach Kriegsende hatten beide große Pläne. Mara Jakisch wollte zurück auf die Bühne. Hübner trat ein für Freiheit und Demokratie – ein gefährliches Unterfangen in der Sowjetischen Besatzungszone, wo die Diktatur des Proletariats Staatsdoktrin ist, und politische Gegner gnadenlos ver- folgt werden. Die Anklage: Spionage für die westlichen Besatzungs- mächte. Das Urteil: Jeweils 25 Jahren Arbeitslager.
Hübner hatte vergleichsweise Glück, er kam erst nach Bautzen, dann nach Brandenburg-Görden. Mara Jakisch wurde abtransportiert nach Sibirien. Damals verloren viele ihr Leben. Jakisch aber kehrte aus dem Gulag zurück, und auch Hübner wurde letztendlich aus der Haft entlassen. Beide entschieden sich für die Bundesrepublik. Mara Jakisch ging zunächst wieder singen, aber sie fühlte sich dabei nicht mehr wohl und suchte sich einen Bürojob. Sie wird über hundert Jahre alt. Es wird ein einsames Alter. Dietrich Hübner gelingt es, Karriere in der Politik zu machen. Er bringt es bis zum Ministerialrat.
Prädikat: ***
Nach Kriegsende hatten beide große Pläne. Mara Jakisch wollte zurück auf die Bühne. Hübner trat ein für Freiheit und Demokratie – ein gefährliches Unterfangen in der Sowjetischen Besatzungszone, wo die Diktatur des Proletariats Staatsdoktrin ist, und politische Gegner gnadenlos ver- folgt werden. Die Anklage: Spionage für die westlichen Besatzungs- mächte. Das Urteil: Jeweils 25 Jahren Arbeitslager.
Hübner hatte vergleichsweise Glück, er kam erst nach Bautzen, dann nach Brandenburg-Görden. Mara Jakisch wurde abtransportiert nach Sibirien. Damals verloren viele ihr Leben. Jakisch aber kehrte aus dem Gulag zurück, und auch Hübner wurde letztendlich aus der Haft entlassen. Beide entschieden sich für die Bundesrepublik. Mara Jakisch ging zunächst wieder singen, aber sie fühlte sich dabei nicht mehr wohl und suchte sich einen Bürojob. Sie wird über hundert Jahre alt. Es wird ein einsames Alter. Dietrich Hübner gelingt es, Karriere in der Politik zu machen. Er bringt es bis zum Ministerialrat.
Prädikat: ***
Sonntag, 18. Januar 2015
Ursula Niehaus: Die Stadtärztin (Knaur)
Ursula Niehaus erzählt in diesem Roman die Lebensgeschichte der Agathe Streicher. Obwohl die Ulmer Bürgerstochter nie eine Universität besucht hat – Frauen waren im 16. Jahrhundert vom Studium ausgeschlossen – war es ihr gelungen, sich ein umfassendes medizinisches Wissen anzueignen. Davon ließ sie sich auch durch Anfeindungen und Neider nicht abbringen. Ihre Erfolge sprachen sich bald herum, so dass wichtige Persönlichkeiten bei ihr um Rat und Hilfe nachsuchten, darunter sogar der Bischof höchstselbst. Damit wurde das „Medizinieren“ zum Politikum. 1561 gestattete es die Stadt der Streicherin schließlich, den Arzteid abzulegen und auch offiziell zu praktizieren. Eine interessante Geschichte aus einer Zeit, in der in Deutschland heftig um den rechten Glauben und ein gottgefälliges Leben gestritten wurde.
Prädikat: **
Prädikat: **
Samstag, 4. Mai 2013
Sabine Ebert: 1813 - Kriegsfeuer (Knaur)
Dieses dicke Buch berichtet über das Jahr 1813 - ein Kriegsjahr, das für die Menschen in Mitteldeutschland unglaubliches Leid, Not und eine Vielzahl von Scharmützeln und Schlachten brachte. Sabine Eberle hat, wie schon für ihre Romane um die Stadt Frei- berg, die Wettiner und die Hebamme Marthe, die Dokumente gründlich befragt. So erzählt die Autorin zwar spannende Ge- schichten, der Leser darf sich aber oben- drein darauf verlassen, dass die Fakten stimmen. Und neben den erfundenen Figuren, die Farbe in den Roman bringen, finden sich jede Menge historische Gestalten: Ein zaudernder König und zynische Diplomaten im Ringen um Europas zukünftige Grenzen, Generäle, die mit Blut Geschichte schreiben, und brave Bürger, die versuchen, zwischen den Fronten ihre Existenz zu retten. Wer etwas über die Völkerschlacht erfahren will - dieses brillante Buch vermittelt viele Aspekte, die man in den Geschichtsbüchern nicht finden kann.
Prädikat: ****
Prädikat: ****
Montag, 22. April 2013
Karl O. Kagel: Geschenksendung, keine Handelsware (Athene Media)
Professor Dr. Karl Otto Kagel floh 1988 mit seiner Familie aus der DDR. In diesem Buch erzählt er seine Geschichte. Sie beginnt in einem Bauernhof in Vorpommern - und führt Kagel bis zu einer Professur an der Ernst-Moritz-Arndt-Universität in Greifswald.
Viele kleine Nadelstiche sind es dann, die dem Chirurgen und Radiologen das Dasein im Arbeiter- und Bauernstaat vermiesen. Irgendwann sieht er für sich und seine Angehörigen dort keine Zukunft mehr - und wählt die Flucht, die er glücklicherweise sehr klug vorbereitet hat. Was er dann allerdings über seine Ankunft im "Westen" berich- tet, das ist desillusionierend. Wie also kann man ein anständiger Mensch bleiben, inmitten von Intrigen, Neid und Korruption? Die Antworten, die Kagel darauf gibt, lassen für unsere Gesellschaft grundsätzlich nicht viel Hoffnung.
Prädikat: ****
Viele kleine Nadelstiche sind es dann, die dem Chirurgen und Radiologen das Dasein im Arbeiter- und Bauernstaat vermiesen. Irgendwann sieht er für sich und seine Angehörigen dort keine Zukunft mehr - und wählt die Flucht, die er glücklicherweise sehr klug vorbereitet hat. Was er dann allerdings über seine Ankunft im "Westen" berich- tet, das ist desillusionierend. Wie also kann man ein anständiger Mensch bleiben, inmitten von Intrigen, Neid und Korruption? Die Antworten, die Kagel darauf gibt, lassen für unsere Gesellschaft grundsätzlich nicht viel Hoffnung.
Prädikat: ****
Freitag, 16. November 2012
Daniel Schönpflug: Luise von Preußen (dtv)
Bereits zu Lebzeiten wurde Königin Luise von Preußen (1776 bis 1810) sehr verehrt. Goethe bezeichnete sie als "Lichtgestalt", Schlegel pries sie als "Königin der Herzen". Schinkel und Rauch errichteten ihr Denk- mäler. Und bis zum heutigen Tage werden Bücher über die junge Frau geschrieben, die als sechstes Kind des Prinzen Karl Ludwig von Mecklenburg-Strelitz und seiner Ehefrau Friederike Caroline von Hessen-Darmstadt zur Welt kam.
Sie steht für Natürlichkeit und Bürgerlich- keit, für ein neues Ideal in Sachen Ehe und Familie, für Liebe und Treue - und für eine behutsame Erneuerung der Institution Monar- chie. Historiker Daniel Schönpflug erkundet in seiner auch stilistisch sehr ansprechenden Biographie, inwiefern dieses Bild der Realität standhält. Er zeigt auf, wie sich mit den historischen Gegebenheiten auch die Inszenierung von Macht und Herrschaft veränderte. Das ist durchaus spannend zu lesen.
Prädikat: ****
Sie steht für Natürlichkeit und Bürgerlich- keit, für ein neues Ideal in Sachen Ehe und Familie, für Liebe und Treue - und für eine behutsame Erneuerung der Institution Monar- chie. Historiker Daniel Schönpflug erkundet in seiner auch stilistisch sehr ansprechenden Biographie, inwiefern dieses Bild der Realität standhält. Er zeigt auf, wie sich mit den historischen Gegebenheiten auch die Inszenierung von Macht und Herrschaft veränderte. Das ist durchaus spannend zu lesen.
Prädikat: ****
Mittwoch, 14. November 2012
Sarah Quigley: Der Dirigent (Aufbau)
Aus dem belagerten Leningrad werden die meisten Künstler evakuiert. So wird die gesamte Philharmonie aus der einge- schlossenen Stadt gebracht. Das Rundfunkorchester aber, das von Karl Eliasberg geleitet wird, bleibt. Und Dmitri Schostakowitsch, der berühmte Komponist, weigert sich, die Stadt zu verlassen. Er arbeitet an einem wichtigen Werk, wenn er nicht gerade Gräben ausheben muss oder zur Brandwache eingeteilt ist. Sarah Quigley erzählt von der Entstehung der Leningrader Sinfonie - und davon, wie sie von halb verhungerten und furchtbar frierenden Musikern, den wenigen Überlebenden eines grauenhaften Winters, für die verbliebenen Bewohner der Stadt und ihre Verteidiger uraufgeführt wird. Akzeptiert man grundsätzlich das Genre Romanbiographie, dann wird man dieses Buch sehr gelungen finden.
Prädikat: ****
Prädikat: ****
Samstag, 8. September 2012
Erika Riemann: Die Schleife an Stalins Bart (dtv)
Vierzehn Jahre alt war Erika Riemann, als der Zweite Weltkrieg zu Ende war. Und dann machte sie gleich zwei Fehler, die Aufmerksamkeit und Misstrauen der Besatzungsmacht weckten: Sie weigerte sich, einer russischen Majorin die Haare zu waschen, weil diese Läuse hatte. Und dem Stalin-Porträt, dass nun anstatt des Bildes von Adolf Hitler in ihrem Klassenzimmer hing, malte sie mit Lippenstift eine Schleife um den Schnauzbart. Das genügte, um Erika vor ein russisches Gericht zu bringen. Das Urteil: Zehn Jahre Sibirien. Doch das Mädchen hatte Glück, so makaber das klingen mag - nach acht Jahren Haft, die sie in Deutschland abgesessen hat, wurde sie entlassen.
Ihre Autobiographie, die sie viele Jahre später zu Papier bringt, gibt eindrucksvoll Zeugnis davon, mit welchen Methoden in den Anfangs- jahren die DDR regiert wurde. Dieses Buch ist ein bedeutendes Doku- ment einer Diktatur, die in ihrer Willkür für die Menschen schrecklich war, die ihr unterworfen waren. Riemann ist es gelungen, 1954 über die Grenze zu fliehen. Doch die Erlebnisse aus den Gefängnisjahren wurde sie nicht mehr los. Viele Jahre hat sie geschwiegen - umso wichtiger ist dieses Buch, das insbesondere auch an den Schulen gelesen und diskutiert werden sollte.
Prädikat: ****
Ihre Autobiographie, die sie viele Jahre später zu Papier bringt, gibt eindrucksvoll Zeugnis davon, mit welchen Methoden in den Anfangs- jahren die DDR regiert wurde. Dieses Buch ist ein bedeutendes Doku- ment einer Diktatur, die in ihrer Willkür für die Menschen schrecklich war, die ihr unterworfen waren. Riemann ist es gelungen, 1954 über die Grenze zu fliehen. Doch die Erlebnisse aus den Gefängnisjahren wurde sie nicht mehr los. Viele Jahre hat sie geschwiegen - umso wichtiger ist dieses Buch, das insbesondere auch an den Schulen gelesen und diskutiert werden sollte.
Prädikat: ****
Donnerstag, 30. August 2012
Barbara Beuys: Der Große Kurfürst (dtv)
Geschichte wird zu einer spannenden Angelegenheit, wenn man sie nicht als eine Aneinanderreihung von Daten und Fakten begreift, sondern als Wirkung von Ent- scheidungen, die Führungspersönlichkeiten getroffen oder aber gelegentlich auch vermieden haben. Wie sehr insbesondere auch zögerliches Verhalten mitunter den Lauf der Ereignisse beeinflusst, kann man in diesem Buch erkennen.
Barbara Beuys beschreibt darin den Lebens- weg eines Herrschers, der eigentlich keine Chance hatte - und sie trotzdem nutzte, um ein Reich zu formen: Friedrich Wilhelm (1620 bis 1688), Kurfürst von Brandenburg, wurde von seinen Zeitgenossen nicht ohne Grund der Große Kurfürst ge- nannt. Denn als er 1640 die Regierung antrat, waren seine Länderei- en vom Krieg verwüstet, in weiten Teilen besetzt, und sämtliche Kassen waren leer. Seine Erben übernahmen ein Land, das in Europa zu einer Großmacht geworden war - mit einer weitgehend funktio- nierenden Verwaltung, einem schlagkräftigen Heer, religiöser Toleranz und deutlich mehr Bürgern sowie einer allmählich wieder aufblühenden Wirtschaft.
Beuys erläutert, wie der Große Kurfürst dieses Wunder vollbracht hat. In ihrem Buch schildert sie aber nicht nur die Biographie eines Herrschers; sie zeigt auch auf, wie Friedrich Wilhelm in das Netzwerk damaliger Machtstrukturen eingebunden war, und wie diese Abhängigkeiten sein Handeln beeinflussten. So entsteht vor dem Blick des Lesers auch ein Bild Europas, das sich in jenen Jahren rasant veränderte. Und obendrein ist dieses Werk auch sehr gut geschrieben. Unbedingt lesen!
Prädikat: *****
Barbara Beuys beschreibt darin den Lebens- weg eines Herrschers, der eigentlich keine Chance hatte - und sie trotzdem nutzte, um ein Reich zu formen: Friedrich Wilhelm (1620 bis 1688), Kurfürst von Brandenburg, wurde von seinen Zeitgenossen nicht ohne Grund der Große Kurfürst ge- nannt. Denn als er 1640 die Regierung antrat, waren seine Länderei- en vom Krieg verwüstet, in weiten Teilen besetzt, und sämtliche Kassen waren leer. Seine Erben übernahmen ein Land, das in Europa zu einer Großmacht geworden war - mit einer weitgehend funktio- nierenden Verwaltung, einem schlagkräftigen Heer, religiöser Toleranz und deutlich mehr Bürgern sowie einer allmählich wieder aufblühenden Wirtschaft.
Beuys erläutert, wie der Große Kurfürst dieses Wunder vollbracht hat. In ihrem Buch schildert sie aber nicht nur die Biographie eines Herrschers; sie zeigt auch auf, wie Friedrich Wilhelm in das Netzwerk damaliger Machtstrukturen eingebunden war, und wie diese Abhängigkeiten sein Handeln beeinflussten. So entsteht vor dem Blick des Lesers auch ein Bild Europas, das sich in jenen Jahren rasant veränderte. Und obendrein ist dieses Werk auch sehr gut geschrieben. Unbedingt lesen!
Prädikat: *****
Katrin Behr / Peter Hartl: Entrissen (Droemer)
Wer in der DDR nicht funktionierte - und dazu reichte es mitunter aus, mehrfach zu spät zur Arbeit zu erscheinen - dem drohte die Höchststrafe: Jederzeit konnte der Staat Familien die Kinder wegnehmen, um sie an linientreue Ehepaare weiterzureichen. Damit verfolgten die Behörden gleich zwei Ziele: Aufsässige Bürger zu disziplinieren und, falls dies im Einzelfall doch nicht gelang, zu- mindest ihre Kinder im Geiste des Arbeiter- und Bauernstaates zu erziehen.
Wie brutal dies im Einzelfall verfolgt wurde, und welche Folgen das für die Betroffenen hatte, berichtet Katrin Behr in ihrer Autobiographie. Es ist ungemein wichtig, dass es dieses Buch gibt. Denn auch dies ist DDR-Geschichte. Und wer dieses Buch gelesen hat, der wird es garantiert nicht mehr bedauern, dass dieser Staat untergegangen ist: "Alles für das Wohl des Volkes"? Alles Märchen! Der konkrete Bürger war damit jedenfalls nicht gemeint.
Prädikat: ****
Wie brutal dies im Einzelfall verfolgt wurde, und welche Folgen das für die Betroffenen hatte, berichtet Katrin Behr in ihrer Autobiographie. Es ist ungemein wichtig, dass es dieses Buch gibt. Denn auch dies ist DDR-Geschichte. Und wer dieses Buch gelesen hat, der wird es garantiert nicht mehr bedauern, dass dieser Staat untergegangen ist: "Alles für das Wohl des Volkes"? Alles Märchen! Der konkrete Bürger war damit jedenfalls nicht gemeint.
Prädikat: ****
Samstag, 4. August 2012
Detlef Gojowy: Katzenbriefe (Dresdner Verlag)
Das kam öfter vor, denn Hausherr Detlef Gojowy, im Jahre 2008 viel zu früh ver- storben, war Musikredakteur und Experte für Moderne Musik. Als solcher war er auch ein Wanderer zwischen den Welten auf beiden Seiten des Eisernen Vorhanges. Diese Erfahrungen scheinen übrigens auf die Katzen abgefärbt zu haben. Moische, Murr und Fiezi erweisen sich als überaus sensible Beobachter der Zweibeiner. Und politische Köpfe sind sie offenbar auch. Wer sich für deutsch-deutsche Geschichte der Jahre 1979 bis 2000 interessiert, der findet hier eine nicht alltägliche Dokumentation, die weit über das Private hinausreicht - und weil Katzen Stil haben, liest sich das Ganze obendrein sehr erfreulich.
Prädikat: ****
Mittwoch, 1. August 2012
Katja Behrens: Der kleine Mausche aus Dessau (dtv)
Moses Mendelssohn wandert von Dessau nach Berlin. Eine solche Reise wäre noch heute ein Abenteuer für einen Jungen, der gerade einmal 14 Jahre alt ist und kein Geld hat. Für einen Juden aber, der aus seiner kleinen Gemeinde zum ersten Mal einen Schritt in die weite Welt unternimmt, in der er sich überhaupt nicht auskennt, war sie 1743 lebensgefährlich. Wie diese Reise tatsächlich verlaufen ist, darüber gibt es keine Berichte. Katja Behrens erzählt in diesem Buch, was Mendelssohn erlebt haben könnte. Eine außergewöhnliche Lektion im Fach Geschichte, nicht nur für Kinder - und obendrein so gut erzählt, dass man die knapp 200 Seiten am liebsten ohne Unterbrechung durchlesen würde.
Prädikat: *****
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