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Montag, 24. Oktober 2016

Sabine Eichhorst: Die Liebe meines Vaters (Knaur)

Als Loris Schorb 1930 in Budapest aus dem Zug steigt, ist er überwältigt von der Stadt mit ihren vielen Brücken, dem pulsierenden Leben und den freundlichen Menschen. Immer wieder reist er an die Donau – bis dann der Krieg zu Entscheidungen zwingt. 
Ende der 50er Jahre verliebt sich in München die junge Maria in den Ungarn Dénes. Als sie ihm eines Tages alte Familienfotos zeigt, erkennt er darauf seine Tante Éva. Der Mann an ihrer Seite ist Marias Vater Loris. Doch er ist im Krieg verschollen, und daher müssen die jungen Leute versuchen, auf anderem Wege Antworten auf die vielen Fragen zu finden, die sich für sie aus diesem Foto ergeben. Die Geschichte einer großen Liebe, die leider nicht glücklich endet, gekonnt erzählt von Sabine Eichhorn.

Prädikat: ***

Mittwoch, 12. Oktober 2016

Tanja Weber: Die Frauen meiner Familie (Droemer)

Das Bild auf dem Dossier kennt Elsa nur zu gut. Es handelt sich um ein Gemälde, das früher in der Wohnung ihrer Großeltern hing, und ihre Urgroßmutter Anneli Gensheim darstellen soll. Die Kunst- historikerin soll einem Diebstahl nachgehen; ihr Vater hatte das Bild vor einigen Jahren „vertickt“, wie er selbst sagt. Es gehört nun einem Sammler, und wurde aus einer Ausstellung geklaut. 
Eigentlich könnte Elsa es damit gut sein lassen. Doch dann begibt sie sich auf die Suche nach dem verschwundenen Bild. Dabei findet sie immer mehr über in ihre eigene Familiengeschichte heraus – die durchaus ihre dunklen Flecken aufweist. Tanja Weber ist, inspiriert durch die Sammlung von Cornelius Gurlitt, ein spannender Kunstkrimi gelungen. Auch wenn sie bei der Zeichnung ihrer Figuren manchmal in Klischees gerät, folgt man ihr gern durch die Jahre – bis hin zum nicht mehr ganz unerwarteten Finale in der Gegenwart. 

Prädikat: ***

Freitag, 5. Februar 2016

Lilli Gruber: Das Erbe (Droemer)

In Pinzon ist sie zur Welt gekommen, in diesem kleinen Dorf hat sie – abgesehen von ihrer Ausbildung im Internat der Englischen Fräulein in Brixen und von wenigen kurzen Reisen – ihr ganzes Leben verbracht, und dort liegt sie auch begra- ben. Rosa Rizzoli, geborene Tiefenthaler, war die Urgroßmutter der Journalistin Lilli Gruber. Geboren wurde sie 1877; damals gehörte ihre Heimat Tirol noch zu Öster- reich-Ungarn: Man sprich Deutsch, und isst Knödel und Sachertorte. 
Die Familie ist vermögend; Rosa trägt Verantwortung nicht nur für ihre Familie, sondern auch für das Gut, die Dienstboten und die Mägde und Knechte. Lilli Gruber hat ihre Urgroßmutter, die 1940 gestorben ist, niemals kennengelernt; umso mehr interessiert sie sich für die Berichte und Gedanken, die sie ihren Tagebüchern anvertraut hat. Ihre Aufzeichnungen beginnen im Jahre 1902 und brechen Weih- nachten 1939 ab. 
In diesem Zeitraum hat sich in dieser Region vieles verändert: 1918 wurde Südtirol bis hinauf zum Brenner Italien zugeschlagen. Für die Südtiroler war dies ein Trauma; Lilli Gruber beschreibt anhand der Notizen ihrer Urgroßmutter, wie stark die Politik sich bis in die Familien hinein auswirkte. Geschichte, lebendig und lehrreich ver- mittelt – ein Buch, das beeindruckt und betroffen macht. 

Prädikat: ****

Sonntag, 2. Juni 2013

Dona Kujacinski, Peter Kohl: Hannelore Kohl (Knaur)

Sie war die Frau hinter einem mächtigen Mann - und dieses Buch macht deutlich, dass Hannelore Kohl mitnichten das Blondchen war, als das sie Journalisten gern beschrieben haben. Dona Kujacinski hat Hannelore Kohl bei ausführlichen Interviewgesprächen ganz anders erlebt. Gemeinsam mit den Kohl-Söhnen, insbe- sondere Peter Kohl und seiner Frau Elif,
hat die Autorin daher diese Biographie geschrieben. 

Sie führt von Hannelores Kindertagen in Leipzig bis hin zu ihrem Leben an der Seite des Politikers Helmut Kohl, den sie als Gymnasiastin kennenlernt - und dem sie treu bleibt bis an ihr tragisches Lebensende. Dieses Buch zeigt, dass die elegante Frau, die man von den vielen Fotos kennt, enorm viel geleistet hat - für ihren Mann, für Familie und Freunde, in der politischen Welt und vor allem auch für das Kuratorium ZNS und die Hannelore-Kohl-Stiftung, die sich für die Rehabilitation von Unfall- opfern mit Hirnverletzungen einsetzen. Wir erleben Hannelore Kohl als eine beeindruckende Persönlichkeit, die mit ihrem Engagement viel verändert hat. Beifall war ihr dabei wohl nicht so wichtig - aber es ist nur gerecht, wenn dieses Buch posthum das Bild, das die Presse von der Politikergattin vermittelt hat, in wesentlichen Punkten korrigiert. 

Prädikat: ****

Freitag, 14. Dezember 2012

Mechthild Borrmann: Der Geiger (Droemer)

Moskau, 1948: Ilja Grenko, ein begnadeter Geiger, ist von einer Konzertreise nach Westeuropa zurück und hat nun ein Konzert am Tschaikowski-Konservatorium gespielt. Umtost vom Applaus verlässt er die Bühne - und wird noch in der Garderobe verhaftet. Er stirbt im Gulag, seine Frau Galina wird verbannt. Viele Jahre später kann sie mit Kindern und Kindeskindern nach Deutschland ausreisen. 
Enkel Sascha setzt alles daran, die Geige seines Großvaters wiederzuerlangen. Es ist eine Stradivari, die seit 1862 im Familienbesitz war. Damals hatte sie der Zar seinem Lieblingsgeiger Stanislaw Sergejewitsch Grenko geschenkt. Seit der Verhaftung Ilja Grenkos aber war das Instrument verschwunden. 
Danach zu fragen, das ist gefährlich. Das hatte Galina gelernt, und das hatte Saschas Eltern, seinen Onkel und seine Schwester bereits das Leben gekostet. Doch Sascha gibt nicht auf. Er reist nach Russland, wo er den Enkel eines Kriminellen aufsucht, dem sein Großvater seinerzeit in Workuta das Leben gerettet hat. Domorow weiß die Antwort auf einige Fragen - und den Rest erfährt er von dem Geheimpolizisten, der seinerzeit seinen Großvater aus dem Wege schaffen ließ. Mechthild Borrmann erzählt eine unglaubliche Geschichte. Doch wer die Verhältnisse kennt, der weiß, dass dieser spannend erzählte Roman wohl der Realität ziemlich nahe kommen dürfte. Nicht wundern, lesen! 

Prädikat: ****

Mittwoch, 14. November 2012

Sarah Quigley: Der Dirigent (Aufbau)

Aus dem belagerten Leningrad werden die meisten Künstler evakuiert. So wird die gesamte Philharmonie aus der einge- schlossenen Stadt gebracht. Das Rundfunkorchester aber, das von Karl Eliasberg geleitet wird, bleibt. Und Dmitri Schostakowitsch, der berühmte Komponist, weigert sich, die Stadt zu verlassen. Er arbeitet an einem wichtigen Werk, wenn er nicht gerade Gräben ausheben muss oder zur Brandwache eingeteilt ist. Sarah Quigley erzählt von der Entstehung der Leningrader Sinfonie - und davon, wie sie von halb verhungerten und furchtbar frierenden Musikern, den wenigen Überlebenden eines grauenhaften Winters, für die verbliebenen Bewohner der Stadt und ihre Verteidiger uraufgeführt wird. Akzeptiert man grundsätzlich das Genre Romanbiographie, dann wird man dieses Buch sehr gelungen finden. 

Prädikat: ****

Donnerstag, 13. September 2012

Urmila Chaudhary: Sklavenkind (Knaur)

Das Leben in Nepal ist für viele Bewohner dieses Landes hart. Dennoch pflegen die Menschen dort ein Kastensystem, wie wir es auch aus Indien und Pakistan kennen - so hat fast jede Bevölkerungsgruppe noch eine andere, auf die sie hinabschauen kann. Und nur die Jungen sind in dieser Kultur von Bedeutung. Das führt dazu, dass zahlreiche Mädchen ab einem Alter von sechs Jahren als Arbeitskräfte verkauft werden. Sie leben im Haushalt ihrer "Arbeitgeber", wo sie in ir- gendeinem Winkel schlafen, mehr oder minder ernährt werden - und kräftig zupacken müssen. 
Eine Schule besuchen sie nicht, aber sie kommen zumindest aus ihrem Dorf heraus, und lernen, wie man einen Haushalt führt. Der "Kaufpreis" ist aus westlicher Sicht eine lächerliche Summe, Lohn wird nicht gezahlt - und wenn die Mädchen, die als "Kamalari" in die Fremde geschickt werden, Pech haben, dann gibt es obendrein noch Schläge oder Zudringlichkeiten. Doch eines ist auch klar: Die Eltern sind nicht in der Lage, die Mädchen zu ernähren und auszubilden. 
In diesem Buch berichtet Urmila Chaudhary von ihren Jahren als Hausdienerin, und von ihrem Kampf gegen diese brutale Tradition. Aufgeschrieben hat die Geschichte allerdings eine deutsche Journalistin; das macht es schwierig, zu unterscheiden, welche Schilderungen von der Nepalesin stammen, und welche Sachverhalte aus europäischer Sicht notiert und bewertet wurden. Zweifelsfrei trifft es zu, dass Bildung den Mädchen aus dieser misslichen Lage helfen würde. Aber von ihren Familien haben die Kinder doch auch nichts zu erwarten - welche Alternative also steht hier zur Debatte? 

Prädikat: **

Samstag, 8. September 2012

Erika Riemann: Die Schleife an Stalins Bart (dtv)

Vierzehn Jahre alt war Erika Riemann, als der Zweite Weltkrieg zu Ende war. Und dann machte sie gleich zwei Fehler, die Aufmerksamkeit und Misstrauen der Besatzungsmacht weckten: Sie weigerte sich, einer russischen Majorin die Haare zu waschen, weil diese Läuse hatte. Und dem Stalin-Porträt, dass nun anstatt des Bildes von Adolf Hitler in ihrem Klassenzimmer hing, malte sie mit Lippenstift eine Schleife um den Schnauzbart. Das genügte, um Erika vor ein russisches Gericht zu bringen. Das Urteil: Zehn Jahre Sibirien. Doch das Mädchen hatte Glück, so makaber das klingen mag - nach acht Jahren Haft, die sie in Deutschland abgesessen hat, wurde sie entlassen.
Ihre Autobiographie, die sie viele Jahre später zu Papier bringt, gibt eindrucksvoll Zeugnis davon, mit welchen Methoden in den Anfangs- jahren die DDR regiert wurde. Dieses Buch ist ein bedeutendes Doku- ment einer Diktatur, die in ihrer Willkür für die Menschen schrecklich war, die ihr unterworfen waren. Riemann ist es gelungen, 1954 über die Grenze zu fliehen. Doch die Erlebnisse aus den Gefängnisjahren wurde sie nicht mehr los. Viele Jahre hat sie geschwiegen - umso wichtiger ist dieses Buch, das insbesondere auch an den Schulen gelesen und diskutiert werden sollte. 

Prädikat: ****

Samstag, 4. August 2012

Detlef Gojowy: Katzenbriefe (Dresdner Verlag)

Dass Katzen literarische Tiere sind, das ist erwiesen und mittlerweile von der Literaturwissenschaft anerkannt. Auch bei Familie Gojowy lebten offenbar zu- mindest zwei Generationen schrift- stellernder Samtpfoten; sie übernahmen immer dann den Briefwechsel, wenn die Zweibeiner dazu keine Zeit hatten.
Das kam öfter vor, denn Hausherr Detlef Gojowy, im Jahre 2008 viel zu früh ver- storben, war Musikredakteur und Experte für Moderne Musik. Als solcher war er auch ein Wanderer zwischen den Welten auf beiden Seiten des Eisernen Vorhanges. Diese Erfahrungen scheinen übrigens auf die Katzen abgefärbt zu haben. Moische, Murr und Fiezi erweisen sich als überaus sensible Beobachter der Zweibeiner. Und politische Köpfe sind sie offenbar auch. Wer sich für deutsch-deutsche Geschichte der Jahre 1979 bis 2000 interessiert, der findet hier eine nicht alltägliche Dokumentation, die weit über das Private hinausreicht - und weil Katzen Stil haben, liest sich das Ganze obendrein sehr erfreulich. 


 Prädikat: ****

Samstag, 7. Juli 2012

Anna Schädlich / Susanne Schädlich (Hrsg.): Ein Spaziergang war es nicht (Heyne)

"Wenn es ein kollektives Geheimnis gab in meinem Land, das selbst mir mit elf Jahren bekannt war, dann jenes, dass eigentlich alle den Wunsch hegten, es zu verlassen. Zumindest befristet. Im Grunde für immer", erinnert sich Anna Langhoff an die Gesprä- che, die ostdeutsche Intellektuelle in der Küche ihrer Eltern führten. Doch dann ver- lässt ihre Familie das Land tatsächlich - wie all die anderen Dissidenten, Aufsässigen, Unbequemen, um die es in diesem Buch geht. 
Die Kinder mussten mit. Auf die oft gar nicht so schöne neue Welt, die sie in Westdeutschland erwartete, waren sie nicht vorbereitet. Hier berichten beispielsweise Eliyah Havemann, Benjamin und Jakob Schlesinger, Nadja Klier, Moritz Kirsch und Denise Kunert, wie sie den Wechsel verarbeiteten, der sie aus dem verlogenen Arbeiter- und Bauernstaat in das kapitalistische Paradies führte, das sie dann als ebenso verlogen erlebten. Es sind oft verheerende Geschichten von Erwachsenen, die so mit sich selbst beschäftigt waren, dass sie das Leiden ihrer Kinder nicht einmal wahrgenommen haben, beklemmen- de Erinnerungen aus einer bleiernen Zeit. Anna und Susanne Schäd- lich ist es zu danken, dass die Auswirkungen dieses Systemwechsels nicht länger vertuscht und verschwiegen werden. 


Prädikat: ***