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Freitag, 8. Januar 2016

Assaf Gavron: Auf fremdem Land (Luchterhand)

Rucola und Kirschtomaten für seine Frau ziehen und eine Ziege halten – das möchte Etaniel Asis. Und so sucht er sich ein Plätzchen, irgendwo hinter Jerusalem: Im Westjordanland, am Fuße eines Hügels, halb im Naturschutzgebiet, teils auf dem Grund des benachbarten arabischen Dorfes, teils in der militärischen Sicherheitszone, findet er ein freies Feld. Und weil es so idyllisch ist, stellt er bald auch seinen Wohnwagen dort ab. Lang bleibt er nicht allein, andere Siedler kommen hinzu, eine Straße wird gebaut, ein Generator aufgestellt und ein Wasserturm errichtet. Ein Kindergarten entsteht, und eine Synagoge, die Jahre gehen ins Land. 
Als die Behörden von der Siedlung erfahren, wird festgestellt, dass sie nicht genehmigt ist – aber zugleich gibt es auch keine Genehmigung, die Wohnwagen wieder zu entfernen. Assaf Gavron erzählt in seinem Roman vom absurden Alltag im besetzten Gebiet. Eine Geschichte wie die von Ma’aleh Chermesch 3 gibt es so nur in Israel – und wer Israel verstehen will, der sollte dieses Buch gelesen haben. 

Prädikat: ****

Freitag, 29. Mai 2015

Franz Hohler: Gleis 4 (Luchterhand)

Verreisen wollte Isabelle, für ein paar Tage in den Urlaub nach Italien. Ein älterer Herr ist so freundlich, ihr den Koffer die Treppe zu den Bahngleisen hinaufzutragen. Dort angekommen, bricht er jedoch plötzlich tot zusammen. An Abreise ist nicht mehr zu denken, und in der allgemeinen Verwirrung nimmt Isabell versehentlich eine Mappe an sich. Darin befindet sich das Mobiltelefon des Verstorbenen, und natürlich klingelt es. Isabelle begibt sich auf die Suche nach den Hinterbliebenen, und mehr und mehr interessiert sie sich für den Lebensweg des Toten. Seine Spuren freilich sind gar nicht so leicht aufzufinden. Franz Hohler hat einen faszinierenden Roman voller überraschender Wendungen geschaffen – der zudem ein höchst verblüffendes Kapitel aus der Geschichte der Schweiz erzählt. Unbedingt lesen! 

Prädikat: ****

Donnerstag, 28. Mai 2015

Eli Brown: Die kulinarischen Anwendungsmöglichkeiten einer Kanonenkugel (Droemer)

Bei einem Überfall wird ein junger Koch auf ein Piratenschiff entführt. Owen Wedgwood soll ab sofort an jedem Sonntag ein Gourmet-Menü für Kapitänin Mad Hannah Mabbot servieren – und wenn ihm dies nicht gelingt, muss er mit den Haien um die Wette schwimmen. Doch an Bord gibt es weder eine vernünftige Küche noch geeignete Zutaten. Wie er sich dennoch auf der Flying Rose behaupten kann, erzählt Eli Brown in seinem fabelhaften Roman. In der Welt dieser Piraten jedenfalls ist nichts so, wie es auf den ersten Blick den Anschein hat. Was für ein Lesevergnügen!

Prädikat: ***

Samstag, 25. April 2015

Dmitri Verhulst: Der Bibliothekar, der lieber dement war als zu Hause bei seiner Frau (Luchterhand)

„Das Leben schien schneller zu verlaufen als die Gedanken, und bevor er einen Entschluss gefasst hatte, war er ein alter Mann.“ Désiré Cordier, mittlerweile gut 70 Jahre alt, hat immer nachgegeben, wenn seine Frau Moniek etwas von ihm wollte. Nun aber will sie das Haus verkaufen, und in eine kleine Wohnung ziehen. 
Bei dem Gedanken, die Tage gänzlich mit seinem dominanten Weib verbringen zu müssen, ohne Ausweichmöglichkeit in Garten und Keller, empfindet Cordier Panik. Und so beschließt er, endgültig die Flucht zu ergreifen: Der ehemalige Bibliothekar spielt seiner Umwelt Demenz vor, was ihm so gut gelingt, dass er sich schon bald im Pflegeheim wiederfindet. Dimitri Verhulst ist eine komische Tragödie gelungen. Denn auch das Dasein der Alten im Heim hat seine Tücken. Mit spitzer Feder zeichnet der flandrische Autor seinen Helden und dessen Abenteuer  im Reich der Erwachsenenwindeln. Was für eine fiese Geschichte! 

Prädikat: ****

Dienstag, 3. Februar 2015

Antal Szerb: Reise im Mondlicht (dtv)

Ein junges Paar aus Ungarn geht auf Hochzeitsreise nach Italien. Doch schon bald stellen die Frischvermählten fest, dass sie sich gar nicht sehr viel zu sagen haben. Und als Mihály dann auch noch einem ehemaligen Schulkameraden begegnet, wird er von Erinnerungen an seine Jugendfreunde schier überwältigt. Mit feiner Ironie erzählt Antal Szerb, wie sich das Paar verliert, noch bevor es zu sich gefunden hat. Mihály träumt von seinen alten Freunden – doch was vorbei ist, das ist Vergangenheit. Ein kluges Buch über das Erwachsenwerden, mit all seinen Verlusten. 

Prädikat: ****

Donnerstag, 15. Januar 2015

Walter Kempowski: Somnia (Knaus)

Er könne gar nicht begreifen, sagte Walter Kempowski einmal, dass es Schriftsteller gebe, die kein Tagebuch führen. Dieses Buch macht deutlich, welche Bedeutung die täglichen Notizen für den Autor hatten. Zum einen halfen sie Kempowski bei der Bewältigung des Alltags mit seinen kleinen und größeren Zwischenfällen und Katastrophen. Diese finden sich daher auch akribisch verzeichnet, und mit Hilfe der literarischen Form schon quasi gebannt. Er berichtet von seinen täglichen Verrichtungen, von seinen Reisen und über Gäste. Zum anderen geben die Tagebucheinträge einen faszinierenden Einblick in die Werkstatt des Schriftstellers, seine Empfindungen und seine Gedankenwelt. Oftmals notierte Kempowski seine Träume – was dem Band dann wohl auch seinen Titel gab.  Die Aufzeichnungen aus dem Jahre 1991 brechen am 21. Dezember 1991 ab. An diesem Tage wurde Gorbatschow durch Jelzin abgelöst. Und Kempowski erlitt einen Schlaganfall. „Somnia“ ist das letzte Werk, das der Schriftsteller fertigstellen konnte. 

Prädikat: ****

Freitag, 7. Juni 2013

P. D. James: Der Tod kommt nach Pemberley (Droemer)

 "Sollen andere Federn bei Schuld und Elend verweilen. Ich verlasse dergleichen abscheuliche Themen, so schnell ich kann, und beeile mich, jeden, der sich nichts Schlimmes zuschulden kommen ließ, wieder in leidliches Wohlergehen zu versetzen und die übrigen zu vergessen." So hat es Jane Austen einmal in einem ihrer Bücher auf den Punkt gebracht; Phylllis Dorothy James aber, die "Queen of Crime", hat dazu eine gänzlich andere Meinung. Und so hat sie das Figuren- ensemble, das Jane Austen einst in ihrem berühmten Roman "Stolz und Vorurteil" entworfen hat, erneut zu literarischem Leben erweckt. Sie wagt sich daran, einige delikate Vorgänge zu erhellen, die die Kollegin vor 200 Jahren lieber nicht im Detail erzählen wollte. Dieser Roman ist nicht in erster Linie ein Krimi, auch wenn es darum um eine Leiche und einen Mörder geht. James schreibt vielmehr Austens Roman weiter - mit Fingerspitzen- gefühl, aber auch einer gehörigen Portion Witz. 

Prädikat: ****

Montag, 3. Juni 2013

Alexis Jenni: Die französische Kunst des Krieges (Luchterhand)

Als 1991 der zweite Golfkrieg beginnt, wird der Erzähler dieses Romans arbeitslos. In einem Bistro lernt er Victorien Salagnon kennen. Und während im Fernsehen die Bilder aus dem Irak die Nachrichten prägen, kommen sich die beiden Männer näher. Salagnon unterweist den Erzähler im Zeichnen - und er berichtet vom Krieg. Der staunende Leser erfährt Geschichten, die in keinem Geschichtsbuch stehen. Denn Salagnon hat in der Résistance gekämpft, in Indochina und in Algerien. Dort hat er Dinge erlebt, die keine Kamera aufgezeichnet hat - und von denen auch der Leser bislang wahrscheinlich nichts wusste. Dieses Buch zeigt das hässliche Gesicht Frankreichs, einer Nation, die auf Frei- heit, Gleichheit und Brüderlichkeit spuckt, sobald es um Macht geht. Schockierend! 

Prädikat: ***

Mittwoch, 1. Mai 2013

Georges Simenon: Der Präsident (Diogenes)

Er ist ein alter Mann, der ehemalige Prä- sident, und er lebt zurückgezogen in seinem Haus an der Kanalküste. Er hat schon so manche Regierungskrise erlebt - und auch diese jetzt, die er aus der Entfernung beobachtet, bringt für ihn keine Über- raschung. Bis auf eine: Der Kandidat, sein ehemaliger Sekretär, den er mit einem Dokument aus seiner reichhaltigen Sammlung jederzeit erledigen könnte, ignoriert ihn. "Der alte Mann und die Macht" - so könnte man diesen Roman auch nennen. Simenon zeigt darin mit der Intensität eines Kammerspiels, wie die Welt des alten Politikers zusammenschrumpft - bis auch er selbst jede Bedeutung verloren hat. 

Prädikat: *****

Montag, 29. April 2013

Hans Sahl: Der Mann, der sich selbst besuchte (Luchterhand)

In vier Bänden sind die Werke von Hans Sahl (1902 bis 1993) bei Luchterhand erschienen. Der Autor, Sohn eines jüdischen Industriel- len aus Dresden, begann Mitte der 20er Jahre mit dem Schreiben. Vor den Nazis floh er über Frankreich in die USA. 
Doch er blieb Europa zugewandt, und arbei- tete nach Kriegsende als Korrespondent zunächst für die Zürcher Zeitung, dann für die Süddeutsche. 1989 kehrte er schließlich nach Deutschland zurück, seinen Lebens- abend verbrachte er in Tübingen. 
Dieser letzte Band der Werkausgabe enthält die Erzählungen und Glossen von Hans Sahl. Die Texte sind ein Ereignis. Ich bin begeistert - eine derartige Präzision im Ausdruck, sprachliche Sensibilität und Treffsicherheit in den Pointen findet sich wirklich selten. Sahl vereint in seinen Texten Lakonie und Witz. Selbstverständlich ist auch ihm nicht jede Zeile gelungen. Dennoch sind seine Werke weit mehr als bloße Zeitdokumente. Was für eine Entdeckung! 

Prädikat: ****

Donnerstag, 4. April 2013

Reinhard Jirgl: Mutter Vater Roman (dtv)

Dieses Buch hat mich schon fasziniert, als es 1990 erstmals im Aufbau Verlag er- schien. Auch wenn die Auseinandersetzung mit der Nachkriegszeit, die Suche nach den Rissen in Fundament der DDR-Gesellschaft, aus denen die alten Gespenster gekrochen kommen, nicht das beherrschende Thema meiner Generation ist, so ist die Collage, die Jirgl hier aus Textfetzen montiert hat, doch sehr beeindruckend. Der Mutter Vater Roman  liest sich nicht unbedingt einfach, aber er berichtet unglaublich viel über die Konstruktion von Identität - und über die Doppelbödigkeit von Sprache. 

Prädikat: ***

Dienstag, 2. April 2013

Irmtraud Morgner: Leben und Abenteuer der Trobadora Beatriz nach Zeugnissen ihrer Spielfrau Laura (Luchterhand)

Irmtraud Morgner (1933 bis 1990) konnte mit dem sozialistischen Realismus nur sehr bedingt etwas anfangen. Ihr bedeutendstes Werk ist die Salman-Trilogie, in der die Schriftstellerin eine sehr eigene Sicht auf die Geschichte, insbesondere auch des weiblichen Teils der Menschheit, zu Papier gebracht hat. 
"Leben und Abenteuer der Trobadora Beatriz nach Zeugnissen ihrer Spielfrau Laura", 1974 im Aufbau-Verlag erstmals erschienen, ist der erste Band davon. Den zweiten Band - "Amanda. Ein Hexenroman" - konnte die Schriftstellerin noch voll- enden. Doch dann erlag Irmtraud Morgner einer Krebserkrankung. 
Der dritte Teil wurde schließlich durch Rudolf Bussmann aus dem Nachlass rekonstruiert und erschien 1998 unter dem Titel "Das heroische Testament" beim Luchterhand Literaturverlag, der das Werk auf Wunsch der Autorin seit 1990 betreut. Leider hatte der Verlag ihre Bücher zwischenzeitlich aus ökonomischen Gründen aus dem Programm genommen.
Umso erfreulicher ist es, dass zumindest der erste Teil der Trilogie nunmehr wieder erhältlich ist. Er berichtet über Beatriz de Dia, eine provenzalische Minnesängerin, die von der Männerwelt des Mittel- alters die Nase voll hatte. Nach 800 Jahren Schlaf wacht sie 1968 auf, und stellt fest, dass sich leider nicht sehr viel geändert hat. Doch dann geht sie in die DDR, wo ja alles besser sein soll. Was die Trobadora dort erlebt, das erzählt Morgner in einer faszinierenden literarischen Montage, und ihr Text lässt noch immer schmunzeln - vermutlich  auch Leser, die die DDR nicht selbst erlebt haben. 

Prädikat: *****

Freitag, 14. Dezember 2012

Mechthild Borrmann: Der Geiger (Droemer)

Moskau, 1948: Ilja Grenko, ein begnadeter Geiger, ist von einer Konzertreise nach Westeuropa zurück und hat nun ein Konzert am Tschaikowski-Konservatorium gespielt. Umtost vom Applaus verlässt er die Bühne - und wird noch in der Garderobe verhaftet. Er stirbt im Gulag, seine Frau Galina wird verbannt. Viele Jahre später kann sie mit Kindern und Kindeskindern nach Deutschland ausreisen. 
Enkel Sascha setzt alles daran, die Geige seines Großvaters wiederzuerlangen. Es ist eine Stradivari, die seit 1862 im Familienbesitz war. Damals hatte sie der Zar seinem Lieblingsgeiger Stanislaw Sergejewitsch Grenko geschenkt. Seit der Verhaftung Ilja Grenkos aber war das Instrument verschwunden. 
Danach zu fragen, das ist gefährlich. Das hatte Galina gelernt, und das hatte Saschas Eltern, seinen Onkel und seine Schwester bereits das Leben gekostet. Doch Sascha gibt nicht auf. Er reist nach Russland, wo er den Enkel eines Kriminellen aufsucht, dem sein Großvater seinerzeit in Workuta das Leben gerettet hat. Domorow weiß die Antwort auf einige Fragen - und den Rest erfährt er von dem Geheimpolizisten, der seinerzeit seinen Großvater aus dem Wege schaffen ließ. Mechthild Borrmann erzählt eine unglaubliche Geschichte. Doch wer die Verhältnisse kennt, der weiß, dass dieser spannend erzählte Roman wohl der Realität ziemlich nahe kommen dürfte. Nicht wundern, lesen! 

Prädikat: ****

Dienstag, 27. November 2012

Annie Proulx: Schiffsmeldungen (btb)

Dieses kleine Buch kommt zunächst daher wie eine Aneinanderreihung von Katastro- phen. Da ist sein Held Quoyle, vom Pech verfolgt, der versucht, seine Brötchen als Reporter zu verdienen, und immer wieder scheitert. Auch bei den Frauen hat er kein Glück. Doch dann lässt er sich von seiner Tante überreden, mit ihr und seinen Töchtern nach Neufundland zurückzukehren. In der Heimat seiner Vorfahren wartet nicht nur ein Haus, das mit Seilen am Felsen festgezurrt ist. Quoyle findet einen Job beim Lokalblatt, eine Menge Nachbarn, die ebenso seltsam sind wie er, und alte Geschichten, die manches erklären, was er bislang unerklärlich fand. Er schreibt die Schiffsmeldungen - und lernt, dass ein Mann ein Boot braucht, dass es auch Frauen gibt, die ein Mann mit Gewinn küsst, und dass auf dieser Insel, in Nebel und Kälte, so manches Wunder geschieht. 
Kein Wunder ist es, dass Annie Proulx für dieses Buch mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet worden ist. Es ist wie ein Kaleidoskop - jedes- mal, wenn man es aufschlägt, entdeckt man hinter den scheinbar schlichten Sätzen eine neue Facette, eine neue Geschichte. Und eine grandiose Autorin, die mit ihren Worten eine Welt erschaffen kann. Das ist große Literatur, ganz ohne Zweifel. 

Prädikat: *****

Freitag, 1. Juni 2012

Ödön von Horváth: Jugend ohne Gott (Diogenes)

"Ich will hinfort nicht mehr die Erde strafen um der Menschen willen, denn das Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf." Angesichts seiner Schulbuben muss der Held dieses Romanes an dieses Zitat aus der Bibel denken. Er ist Gymna- siallehrer, und seine Knaben sollen nun nicht mehr klug werden, sondern hart wie Krupp- stahl, und zäh wie Schuhleder. Wer sich je gefragt hat, wie brave Familienväter zu gewissenlosen Mördern werden konnten, die Frauen, Kinder und Greise hingemetzelt haben - in diesem Buch findet er eine Antwort. 


Prädikat: *****

Sonntag, 20. Mai 2012

Herman Melville: Meistererzählungen (Diogenes)

Kaum zu glauben, aber dieser Autor ver- diente sein karges Brot erst als Matrose, später als Landwirt, und starb schließlich als Zollinspektor - von seinen Werken konnte Hermann Melville (1819 bis 1891) nicht leben; kaum jemand interessierte sich dafür. Von seinem berühmtesten Buch Moby-Dick wurden zu Lebzeiten Melvilles kaum 3000 Stück verkauft. 
Das änderte sich erst in den 20er Jahren, als Literaturwissenschaftler seine Werke wiederentdeckten. Im Diogenes Verlag ist eine Auswahl seiner besten Erzählungen erschienen. Sie lesen sich so lebendig, und so modern, dass man meint, sie können unmöglich vor mehr als hundert Jahren geschrieben sein. Banadonna wird von seinem Roboter erschlagen. Und die Geschichte von Bartleby, dem Schreiber, der seinen Satz "Ich möchte lieber nicht." wie ein Mantra wiederholt, könnte auch von Kafka stammen. Das ist faszinierend, das ist großartig, das muss man wirklich lesen. 


Prädikat: *****


Samstag, 28. April 2012

Péter Farkas: Acht Minuten (Luchterhand)

In der Wohnung des alten Paares geschehen seit einiger Zeit seltsame Dinge. So werden von fremden Menschen Gegenstände hineingestellt, die angeblich nützlich sein sollen - die der alte Mann aber nun mühsam zum Müll bringen muss.  Und die Ehebetten haben diese Leute in zwei verschiedene Zimmer gestellt - doch sie zurückzubringen, ist den alten Leuten zu schwer. So schlafen sie nun gemeinsam in einem Bett; Péter Farkas erzählt anrührend aus dem Leben eines dementen Paares. Er zeigt, wie das Vergessen auch den Umgang mit Zeit beeinflusst, und wie Kommu- nikation möglich ist, wenn Worte nicht mehr viel sagen. 


Prädikat: ****

Sonntag, 22. April 2012

Robert Louis Stevenson: Der Master von Ballantrae (dtv)

Zwei Brüder aus schottischem Adel kämpfen beim Aufstand der Jakobiten im Jahre 1745 auf unterschiedlichen Seiten. Während James Durie, der ältere Bruder und Erbe, der Master von Ballantrae genannt, sich den Rebellen anschließt, ficht Henry Durie, der jüngere Bruder, auf Seiten der Regierung. Als James für tot erklärt wird, übernimmt Henry die Leitung des Gutes, und heiratet die Verlobte seines Bruders, die das Vermögen mitbringt, mit dem sich der Familienbesitz erhalten lässt. 
Doch der Jüngere erhält für Pflichtbewusstsein und Zuverlässigkeit wenig Anerkennung, wie uns sein Verwalter berichtet, den Robert Louis Stevenson zum Erzähler gewählt hat. James hingegen, offenbar ohne jeden Skrupel, bekommt, was er begehrt, als er sich lebendig zurückmeldet: Geld, Obdach, und die Liebe der Frau seines Bruders - was ihm dann sogar zu einem Erben verhilft, auch wenn der Autor das natürlich sehr dezent andeutet. Aber dieses Buch lebt davon, das wichtiges gerade nicht ausgesprochen wird. 
Bei einem Duell der beiden ungleichen Brüder wird James nieder- gestochen, doch als die Familie herbeieilt, um die Leiche zu bergen, ist sie verschwunden. Wie ein böser Geist verschwindet der Master und taucht wieder auf, um Unruhe und Zwietracht zu bringen - und Geld zu erpressen. Schließlich flieht Familie Durie nach Amerika. Doch der Master reist hinterher. Und es gelingt ihm, dafür zu sorgen, dass Henry letztendlich den Verstand verliert: Sein ganzes Denken und Trachten kreist ausschließlich um den verhassten Bruder. 
Stevenson nennt sein Buch "Eine Wintergeschichte", sehr zutreffend - denn es ist ein Bericht in Schwarz-weiß, erstarrt in Kälte; brillant erzählt. Der Deutsche Taschenbuch Verlag legt diesen erstklassigen Schauerroman in einer Neuübersetzung von Melanie Walz vor, sorgsam ediert und kommentiert. Unbedingt lesen! 


Prädikat: *****


Georges Simenon: Ankunft Allerheiligen (Diogenes)

Der junge Gilles Mauvoisin erreicht La Ro- chelle am Abend vor Allerheiligen; er wird in aller Heimlichkeit von Bord eines Schiffes gebracht. Seine Eltern, die aus der Hafen- stadt stammten, waren dort vor Jahren einfach abgereist, in die weite Welt, und ihr Brot verdienten sie als Artisten. Nun sind sie tot, und Gilles, kaum erwachsen, findet sich verwaist und mittellos. 
Doch zumindest letzteres ist offenbar nicht korrekt. Schon bald erfährt Mauvoisin, dass er von einem Onkel als Universalerbe eingesetzt worden ist. Dieser Onkel, den alle hassten, hat ein ganz erstaunliches Vermögen zusammengerafft. Gilles Mauvoisin tritt sein Erbe an. Er lernt sehr schnell, die Unternehmungen seines Onkel zu führen, und auch die Drohungen und Andeutungen, mit denen er konfrontiert wird, einzuordnen. Er heiratet. Aber je mehr er über seinen Onkel und die führenden Köpfe des Ortes, das sogenannte Syndikat, erfährt, desto mehr fürchtet er, so zu werden wie dieser Onkel. Meisterhaft schildert Georges Simenon die geradezu detek- tivische Spurensuche des jungen Mauvoisin und sein zunehmendes Unbehagen, das der Leser geradezu mitempfinden kann. Man ist dem Schriftsteller dankbar dafür, wie elegant er diesen Konflikt am Ende auflöst. 


Prädikat: ****

Sonntag, 15. April 2012

Georges Simenon: Die Wahrheit über Bébé Donge (Diogenes)

Zwei Brüder führen gemeinsam ein Unter- nehmen. Und sie unternehmen auch sonst mit ihren Familien ziemlich viel gemeinsam. Das ist kein Wunder, denn sie haben zwei Schwestern geheiratet. Eines schönen Tages, die Brüder Donge sitzen im Kreise ihrer Lieben im Garten ihres Landhauses, spuckt Francois den Kaffee wieder aus, den er soeben trinken wollte, und rennt ins Bad. Denn dem Chemiker ist sofort klar, dass seine Frau Bébé ihm nicht nur Zucker in die Tasse getan hat.
Francois überlebt knapp. Und er sieht seine Frau mit völlig neuen Augen - was aber nichts nützt. Denn Bébé will ins Gefängnis. Simenon zeigt, wie schnell sich Eheleute einander entfremden, und sein Buch, in gewohnter stilistischer Meisterschaft, lässt keinen Zweifel daran, dass nicht alle Wunden heilen.


Prädikat: ****