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Donnerstag, 15. November 2012

Elmar Heer: Partner auf Leben und Tod (Knaur)

Elmar Heer berichtet über seine Arbeit bei der Polizei. Dabei gerät er schnell ins Schwärmen - was der Leser nachvollziehen kann, denn Heer hat wundervolle Kollegen. Sie haben vier Beine, Fell, Herz und Schnauze, und sie sind überaus zuver- lässige Gefährten. 
Heer, seit über 20 Jahren Beamter der Diensthundestaffel Mittelfranken, hat eine Menge zu erzählen. Er hat mit seinen Polizeihunden etliche Ganoven gestellt und Drogen aufgespürt. Derzeit arbeitet er mit Hündin Carina, die speziell für die Suche nach Sprengstoffen aus- gebildet ist. Shirley Michaela Seul, eine renommierte Autorin und Ghostwriterin, hat den Hundeführer beim Schreiben unterstützt. Das Ergebnis liest sich spannend, und ist interessanter als so mancher Band mit Politiker-Memoiren. 

Prädikat: **

Samstag, 8. September 2012

Erika Riemann: Die Schleife an Stalins Bart (dtv)

Vierzehn Jahre alt war Erika Riemann, als der Zweite Weltkrieg zu Ende war. Und dann machte sie gleich zwei Fehler, die Aufmerksamkeit und Misstrauen der Besatzungsmacht weckten: Sie weigerte sich, einer russischen Majorin die Haare zu waschen, weil diese Läuse hatte. Und dem Stalin-Porträt, dass nun anstatt des Bildes von Adolf Hitler in ihrem Klassenzimmer hing, malte sie mit Lippenstift eine Schleife um den Schnauzbart. Das genügte, um Erika vor ein russisches Gericht zu bringen. Das Urteil: Zehn Jahre Sibirien. Doch das Mädchen hatte Glück, so makaber das klingen mag - nach acht Jahren Haft, die sie in Deutschland abgesessen hat, wurde sie entlassen.
Ihre Autobiographie, die sie viele Jahre später zu Papier bringt, gibt eindrucksvoll Zeugnis davon, mit welchen Methoden in den Anfangs- jahren die DDR regiert wurde. Dieses Buch ist ein bedeutendes Doku- ment einer Diktatur, die in ihrer Willkür für die Menschen schrecklich war, die ihr unterworfen waren. Riemann ist es gelungen, 1954 über die Grenze zu fliehen. Doch die Erlebnisse aus den Gefängnisjahren wurde sie nicht mehr los. Viele Jahre hat sie geschwiegen - umso wichtiger ist dieses Buch, das insbesondere auch an den Schulen gelesen und diskutiert werden sollte. 

Prädikat: ****

Freitag, 4. Mai 2012

Eve Haas: Das Geheimnis des Notizbuchs (Heyne)

Eve Haas erzählt die Geschichte ihrer Familie. Sie ist 16 Jahre alt, als ihr der Vater zum ersten Mal ein Notizbuch mit einer geheimnisvollen Widmung zeigt. 
Mit ihren Eltern konnte sie sich 1934 aus Berlin nach London retten. Ihre Oma Anna aber starb in Theresienstadt, wohin sie 1942 verschleppt wurde. Wenn sie gewusst hätte, was Eve Haas in den Archiven herausgefunden hat - in diesem Buch berichtet sie über ihre Spurensuche - dann hätte sie nicht als Abkömmling eines jüdischen Schneiders gegolten, sondern als Tochter aus polnischen Adel, und als Enkeltochter des Prinzen August von Preußen. 


Prädikat: ***

Dienstag, 24. April 2012

Aylin Korkmaz: Ich schrie um mein Leben (Knaur)

"An einer Wassermelone kannst du riechen, du kannst gegen ihre Schale klopfen, um etwas über ihren Reifegrad zu erfahren. Bei einem zukünftigen Ehemann geht das nicht", zitiert Aylin Korkmaz ein türkisches Sprichwort. Wie recht es hat, zeigt ihr Bericht vom Leben mit ihrem kurdischen Ehemann, der sie mit nach Deutschland nimmt. Dort erlebt sie gleich mehrfach den Schock ihres Lebens - und das liegt in erster Linie an ihrem Ehemann, der in der Türkei den dicken Max markiert hat, aber in Wahrheit verschuldet war bis unter die Halskrause, so dass er für seine junge Frau nicht einmal eine Wohnung hat. Und einen  Job hat er auch nicht - was immer mal wieder vorkommt. 
Seine Frau integriert sich zunehmend in der neuen Heimat. Die Ehe scheitert; eigentlich ist es ein Wunder, dass diese Familie drei Kinder hat. Aylin aber ist als Türkin erzogen. Immer wieder gibt sie nach. Doch mit jeder neuen Chance, die sie ihrem Mann einräumt, wird ihr Leben nur schlimmer. Die Geschichte dieser "Beziehung" ist ein Trauerspiel, sie eskaliert in einem Mordversuch, den Aylin Korkmaz nur durch ein Wunder überlebt: Ihr Exmann überfällt sie, schneidet ihr die Kehle durch, und sticht dann noch 25 Mal mit zwei Messern auf sie ein. Es ist erstaunlich, dass es Menschen gibt, die auf die Idee kommen, so etwas einen "Ehrenmord" zu nennen. Ein wichtiges Buch, ganz ohne Frage. 


Prädikat: ***

Sonntag, 22. April 2012

Reinhardt Piechocki, Melissa Müller: Alice Herz-Sommer - "Ein Garten Eden inmitten der Hölle" (Knaur)

Als Tochter eines Fabrikanten wuchs sie in Prag auf, behütet und umsorgt. Schon als Kind übt Alice Herz stundenlang Klavier. Und so war es keine Überraschung, dass sie den Beruf der Pianistin und Musikpädago- gin wählt - was für eine Tochter aus "besserem" Hause zu Beginn des 20. Jahr- hunderts keinesfalls selbstverständlich war. Doch in das Idyll mischen sich schon bald Misstöne. In den 30er Jahren wandern zahlreiche Freunde und Verwandte aus. Und sie haben gut daran getan, wie die Pianistin nach dem Einmarsch der Deutschen feststellen muss. Denn nun beginnen die Deportationen. Und Alice Herz, mittlerweile verheiratet mit Leopold Sommer und Mutter eines kleinen Söhnchens, ist Jüdin. Als ihre Mutter ins Lager verschleppt wird, beginnt sie, die Chopin-Etüden zu üben. Ein Jahr später muss auch die gefeierte Pianistin mit Mann und Kind den Zug besteigen, der sie zunächst nach Theresienstadt bringt. 
Dieses Buch berichtet davon, wie es Alice Herz-Sommer mit Hilfe der Musik gelungen ist, das Ghetto zu überleben, und auch ihr Kind abzuschirmen. Der kleine Stephan erlebt seine Kindheit als eine glückliche Zeit - in Theresienstadt, wo der Tod ein beständiger Gast ist. Nach der Befreiung aber wird das Leben nicht einfacher. Die Musikerin muss erleben, dass sie als Überlebende in ihrer Heimat- stadt nicht willkommen ist. Sie wird beschimpft und schikaniert - und wandert schließlich nach Israel aus. 
Eine beeindruckende Lebensgeschichte. Seit 1986 lebt Alice Herz-Sommer in London, weil sie ihrem Sohn, der in Israel den Namen Raphael angenommen hatte und ein erfolgreicher Cellist war, nahe sein wollte. Er starb  2001. Seine Mutter, Jahrgang 1903, spielt noch heute Klavier. Musik war und ist ihr Leben. 


Prädikat: ****

Dienstag, 10. April 2012

Detlef Gojowy: Ein Europäer in New York (Pandion)

Ein Musikwissenschaftler reist nach Amerika. Und aus der Märchenstadt New York berichtet er in Briefen an seine Ehefrau, launigerweise auch an seine Katzen. Detlef Gojowy ist aber nicht irgendein Reisender; seine Beobachtungen sind präzise, feinsinnig, sie erfassen das Wesen der Gesellschaft, über die er schreibt. 
Denn Gojowy kennt auch die andere Supermacht Russland, er ist ein Wanderer zwischen den Welten - und er wagt den Vergleich. Selbstzensur findet nicht statt. So erweist sich dieses posthume Werk als kluges, leider aber auch sehr schmales Büchlein, dem man zudem etwas mehr Sorgfalt von Seiten des Verlages gewünscht hätte. 


Prädikat: ****

Montag, 2. April 2012

Susanne Schädlich: Westwärts, so weit es nur geht (Droemer)

Susanne Schädlich, die Tochter des Schriftstellers Hans Joachim Schädlich, ist zwölf Jahre alt, als ihre Eltern aus der DDR in die BRD übersiedeln. Die verlorene Heimat ist ihr Trauma und ihr großes Thema - um sie wiederzufinden, flieht sie 1987 nach Los Angeles. Elf Jahre lebt sie dort, als Fremde unter Fremden. Denn in den USA sind fast alle Flüchtlinge, irgendwie. 
Nun reist sie erneut nach L.A., für sieben Tage. Denn eine Freundin aus jener Zeit liegt im Sterben. Und während sie die Freundin in den Tod entgleiten sieht, erinnert sich die Autorin an ihr Ringen mit dem Gefühl der Fremdheit, an ihre Sehnsucht nach dem Zuhause, und an ihr Leben in Amerika. Ein Buch, das fasziniert und befremdet zugleich in seiner Leidenschaft. 


Prädikat: **

Freitag, 30. März 2012

Dora Prinz & Sabine Eichhorst: Ein Tagwerk Leben (Knaur)

1936, gerade 16 Jahre alt, verdingt sich Dora Prinz zum ersten Mal als Magd. Sie ist die älteste Tochter; die Eltern haben wenig, und müssen noch drei Mäuler stopfen. Harte Arbeit ist Dora bereits gewohnt: "Ich hab daheim müssen mel- ken, mähen und misten. Ich kann Holz hacken, dreschen und Mehl machen. Ich kann kochen, buttern, nähen, stopfen, einwecken", berichtet sie dem Bauern. Und ein Kalb habe sie auch schon allein geholt. 
Die Arbeit in Haus und Hof bleibt hart. In den 40er Jahren kommen die ersten Maschinen in die Dörfer - Balkenmäher, Melkmaschinen, Kartoffelroder, Traktoren. Der Lebensbericht von Dora Prinz fasziniert, nicht zuletzt weil er noch eine Ahnung davon vermittelt, wie gewirtschaftet wurde, bevor es Waschmaschinen, Kühlschränke, Elektroherde und Supermärkte gab. Und er fasziniert, weil die junge Frau - egal, wie sie von ihren Dienstherrn schikaniert worden ist - sehr stolz und selbstbewusst durchs Leben gegangen ist. 
Ende der 50er Jahre suchte sich Dora Prinz dennoch eine andere Arbeit. Einen halben Tag frei hatten Knechte und Mägde, nach dem Füttern, Melken und Misten am Sonntag, für den Kirchgang und ein paar private Erledigungen. Abends, pünktlich zum Melken und Füttern, mussten sie zurück sein. Und die Urlaubstage konnten sie an ihren Fingern abzählen. Irgendwann hatte sie genug:  "Man muss grad bleiben im Leben", sagt Dora Prinz. Dieses Buch ist der Beleg dafür, dass sie nicht einmal die Zeit beugen konnte. Wirklich sehr beeindruckend - und obendrein wundervoll geschrieben. 


Prädikat: ****

Montag, 19. Juli 2010

Herr Ober: "Die Rechnung, bitte!" (Knaur)

Ein Kellner, der das eher unfreiwillig geworden ist (Job weg, Geld alle, und keine Idee, was sonst machen!), schreibt ein Blog: "Waiter Rant" geniesst in den USA mittlerweile Kultstatus. Im Internet berichtet der Kellner freizügig von seiner Arbeit in den mehr oder minder guten Restaurants, von seinen Kollegen und den Kunden sowie von seinen täglichen Abenteuern im Service. Der deutsche Leser sollte wissen, dass ein Kellner in den USA vielerorts keinen Lohn bekommt, und ausschließlich vom Trinkgeld seiner Gäste lebt. "Die Rechnung, bitte!" ist daher ein ausgesprochen mehrdeutiger Titel.
Ach wäre doch der Rest des Buches literarisch genauso anspruchsvoll. Doch davon kann keine Rede sein. Man erfährt so manches, was man schon immer ahnte, aber eigentlich nicht wirklich ganz genau wissen wollte. Man lernt ziemlich schnell, warum sich Küche und Service in vielen Restaurants nicht ausstehen können. Und natürlich verrät der Autor, welche Gäste er nicht mag - so ziemlich alle, so scheint es, wenn man durch das Buch endlich durch ist, denn letzten Endes bleibt nach all den bissigen Anekdoten kaum ein guter Faden an jenen Leuten, die das Geld mitbringen, das doch der Kellner so liebt. Das liest sich mitunter ja ganz amüsierlich, aber 350 Seiten damit werden unterm Strich ganz schön lang.

Prädikat: **

Dienstag, 13. Juli 2010

Susa Bobke / Shirley Seul: Männer sind anders. Autos auch. (Knaur)

Geschichten von Autos und ihren Menschen erzählt Susa Bobke, derzeit unterwegs im Allgäu als eine von fünf weiblichen Gelben Engeln des ADAC. Sie hat ihre Erlebnisse - kuriose, haarsträubende, gefährliche und manchmal auch berührende - mit Hilfe ihrer Freundlin Shirley Seul zu Papier gebracht. Und man muss sagen: Sie erzählt extrem witzig, selbstbewusst und bringt Dinge gern auf den Punkt.
Allerdings war das nicht immer so. Bobke erinnert sich an ihren Start im Kfz-Handwerk; zwar wollte sie schon als Kind eigentlich immer unter die Schrauber gehen. Aber seinerzeit waren Mädchen in der Autowerkstatt noch rarer als heute. Und so drehte die Tochter eines Land-Tierarztes zunächst einige unent- schiedene Runden an der Uni, bevor sie eine Freundin in eine Lehr- werkstatt buchstäblich schleppte. 
Bobke, die Kfz-Meisterin, ist nun seit mehr als 15 Jahren beim ADAC und hilft den Mitgliedern des Automobilklubs bei Pannen weiter. Aus jeder Zeile erspürt man, dass dies - trotz Schichtdienst - ihr Traum- job ist. Gratulation an den Arbeitgeber für die Begeisterung, die sich hier mitteilt - überzeugendere Werbung kann es kaum geben. 

Prädikat: ****

Samstag, 12. Juni 2010

Ilka Piepgras: Meine Freundin, die Nonne (Droemer)

Ilka Piepgras, verheiratet, Mutter von Zwillingen, ist Redakteurin beim Zeit- Magazin. Nach vielen Jahren Sendepause erinnert sie sich an ihre Jugendfreundin Charlotte. Die begann nach der Schule ein Studium an einer Kunsthochschule - und wurde dort nicht froh.
Bei einem Studienaufenthalt auf Naxos begegnete sie dann einem Priestermönch vom Berg Athos. Das hat Folgen: Zum Entsetzen ihrer Familie konvertiert sie zum griechisch-orthodoxen Glauben, und tritt in ein griechisches Kloster ein. Zwanzig Jahre nach der letzten Begegnung mit der Freundin reist Ilka Piepgras zu ihr. Diodora, so ihr Klostername, hat zusätzlich zu ihrer künstlerischen Ausbildung noch Theologie und Jura studiert. Sie trägt mittlerweile als Äbtissin Verantwortung für drei Klöster mit mehr als 50 Nonnen.
Piepgras versucht, ihren Lebenslauf und ihre Motivation nachzu- vollziehen. Doch es bleibt beim Besuch. Die beiden Frauen trennen Welten. Und so erfährt man aus dem Buch auch weit mehr über seine Autorin - was sich teilweise recht peinlich liest - als über Diodora. Schade. 

 Prädikat: *

Samstag, 26. Dezember 2009

Peggy Poles / Ursula Boencke: "All unsere Lieben sind verloren"


Am 30. Januar 1945 versank vor der polnischen Ostseeküste binnen einer Stunde die "Wilhelm Gustloff", getroffen von russischen Torpedos. Das Schiff war überfüllt mit mehr als 10.000 Flüchtlingen und Verwundeten. Ursula Boencke und Peggy Poles, Tante und Nichte, haben diese Katastrophe überlebt. Alle anderen Mitglieder ihrer Familie kamen in den eisigen Fluten ums Leben.
In diesem Buch, das im wesentlichen auf den Tagebuchnotizen Boenckes beruht, erzählen die beiden Frauen vom Leben in Petersburg und in Riga - von einem Baltikum, das in den Wirren der Revolutionszeit und der beiden Kriege versunken ist, wie die sagenhafte Stadt Vineta.
Sie berichten von den Schrecken des Krieges und der Flucht. Und von der Ankunft in einem zerstörten Land, das mit den "Ausländern" eigentlich auch nichts anfangen wollte. Tapfer haben sich die beiden Frauen durchgebissen - ein ergreifendes Buch, das zur Lektüre empfohlen wird.

Prädikat: ****

Freitag, 25. Dezember 2009

Natalie McLennan: Natalia (Heyne)


Sie war das teuerste Escortgirl von New York. Sie wurde von Rockstars, Industriellen und Politikern gebucht - zum Stundensatz von 2000 (zweitausend) Dollar. Und ihr Lebensgefährte Jason Itzler sorgte dafür, dass sie reichlich zu tun hatte. Doch mit dem Geld, das sie verdiente, konnte "Natalia" nichts anfangen. Denn ihr Horizont reichte gerade von Sex und Party bis zu teuren Klamotten und Drogen.
Ihre Memoiren lesen sich daher ein bisschen wie ein Erbauungs-traktat, zur Warnung vor einem solchen Lebenwandel - und zugleich hat der Verlag natürlich darauf geachtet, dass die Anekdoten aus dem Milieu positiv genug sind, Leser zu unterhalten und zu amüsieren. So erahnt man hinter viel Glamour und Talmi zwar großes Elend, aber in einer sehr luxuriösen Variante. 

Prädikat: **

Samstag, 28. November 2009

Emmy Goldacker: Ich lebe - genügt das nicht? (Knaur)


Emmy Goldacker kennt nur das sorglose, wohlbehütete Dasein einer höheren Tochter - bis ihr Vater 1938 nach Palästina flieht. Da endet die Idylle, denn zur Strafe wird das Vermögen der Familie eingezogen. Und statt zur Lehrerin wird Emmy zur Spionage ausgebildet. Um ihre Verwandten nicht zu gefährden, übersetzt, tippt und funkt sie, wie es von ihr verlangt wird.
Nach Kriegsende atmet Emmy auf - doch sie hat sich zu früh gefreut. Denn sie wird denunziert, verhaftet, und für zehn lange Jahre ins Straflager nach Sibirien verschleppt. Wie sie diese schwere Zeit überstanden hat, das hat sie in diesem Buch niedergeschrieben. Sie setzt damit zugleich all jenen ein Denkmal, die nach dem Krieg  die Deportation bei Hunger, Kälte und härtester Arbeit nicht überlebt haben. Ein ergreifendes Dokument.

Prädikat: ****

Montag, 23. November 2009

Clara Kramer: Eine Handbreit Hoffnung (Droemer)


Als die Nazis Galizien besetzen, hat in dem Städtchen Zólkiew bei Lemberg niemand Illusionen darüber, was sie mit den Juden anstellen werden. Dennoch harren die 5000 jüdischen Bewohner aus. Denn die Flucht zu den Russen, die das Städtchen vorher besetzt hielten, gilt ihnen nicht wirklich als Alternative.
Als die SS wenig später beginnt, die Juden zusammenzupferchen und zu ermorden, gelingt es einigen Familien, unterzutauchen. So versteckt Familie Beck erst 15, dann schließlich 18 Menschen in einem engen und niedrigen Kellerloch unter dem Fußboden ihres Hauses. Vom Dezember 1942 bis zum 24. Juli 1944 harren sie dort aus, in Hunger, Furcht, drückender Hitze und qualvoller Enge. Über ihnen, durch die Holzbretter des Fußbodens nur zu gut zu hören, gehen die Deutschen aus und ein.
Clara Kramer, damals ein Schulmädchen in besten Backfisch-Alter, erzählt in diesem ergreifenden Buch von ihren Erlebnissen im Keller-Asyl, von der Jagd der Deutschen auf ihre Schulfreundinnen und Verwandten, und vom Judenhass der Polen und Ukrainer, die sich nur zu gern an den Plünderungen und an der Ausrottung ihrer Mitbürger beteiligten. So sterben noch wenige Stunden vor dem Einmarsch der Russen Juden - verraten für fünf Liter Schnaps...
Dieses Buch macht den Leser fassungslos. Zumal auch diejenigen, die aus dem Wald oder aus ihren Verstecken zurückkehren, in Zólkiew keine Zukunft mehr haben. Nur 50 jüdische Männer, Frauen und Kinder überleben das sinnlose Morden. Keiner von ihnen bleibt in der Stadt.

Prädikat: *****

Mittwoch, 18. November 2009

Bärbel Probert-Wright: An der Hand meiner Schwester (Knaur)


Im Frühjahr 1945 machen sich Eva, gerade 19, und ihre kleine Schwester Bärbel, sieben Jahre alt, auf die Suche nach ihrer Mutter. Ihr Weg führt sie vom thüringischen Tabarz über Jena, Halle und Wiedersdorf bis nach Hamburg. Quer durch Deutschland, durch ein zerstörtes Land und eine kollabierende Gesellschaft, zu Fuß - und meistens alleine.
Die Mädchen begegnen Soldaten, Flüchtlingen, Plünderern - Tausende irren umher, und die meisten sind als Reisegefährten nicht zu empfehlen. Viele Menschen sind von den erlebten Kriegsgräueln abgestumpft, sie leiden unter Hunger, Dreck und Ungeziefer, und einige von ihnen sind obendrein auf Rache aus für das erlittene Unrecht.
Anhand des Tagebuches ihrer großen Schwester berichtet Bärbel Probert-Wright über das Erlebte. Dieses Buch sollte - zumindest in Auszügen - Pflichtlektüre an unseren Schulen werden.

Prädikat: ****