Hella Rizzoli muss sich entscheiden: Wenn sie weiter auf dem Gut ihrer Familie in Südtirol leben will, dann wird sie zwangsweise zur Italienerin. Die Optanten, die sich dafür entschieden haben, Deutsche zu bleiben, müssen die Heimat verlassen. Sie werden umgesiedelt – was jedoch nicht immer positiv verläuft, wie sich allmählich herumspricht. Die Männer ziehen in den Krieg. Und die Frauen müssen die Lasten jener harten Jahre allein tragen.
Lilli Gruber hat in diesem Roman aufge- schrieben, wie ihre Familie die Kriegsjahre erlebte. Dabei konnte sie auf zahlreiche Dokumente zurückgreifen. Denn Hella Rizzoli war die Großtante der Journalistin. Ihr Schicksal zeigt, warum viele Südtiroler große Hoffnungen auf Hitler setzten – und wie hart sie sich damit täuschten.
Die Autorin hatte bereits in Das Erbe auf die Auswirkungen der Teilung Tirols nach dem Ersten Weltkrieg aufmerksam gemacht. In Der Sturm erzählt sie erneut auf höchst lebendige Weise europäische Geschichte, die außerhalb der betroffenen Region bislang wohl nur von Historikern wahrgenommen worden ist.
Prädikat: ****
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Dienstag, 11. Oktober 2016
Samstag, 4. August 2012
Detlef Gojowy: Katzenbriefe (Dresdner Verlag)
Das kam öfter vor, denn Hausherr Detlef Gojowy, im Jahre 2008 viel zu früh ver- storben, war Musikredakteur und Experte für Moderne Musik. Als solcher war er auch ein Wanderer zwischen den Welten auf beiden Seiten des Eisernen Vorhanges. Diese Erfahrungen scheinen übrigens auf die Katzen abgefärbt zu haben. Moische, Murr und Fiezi erweisen sich als überaus sensible Beobachter der Zweibeiner. Und politische Köpfe sind sie offenbar auch. Wer sich für deutsch-deutsche Geschichte der Jahre 1979 bis 2000 interessiert, der findet hier eine nicht alltägliche Dokumentation, die weit über das Private hinausreicht - und weil Katzen Stil haben, liest sich das Ganze obendrein sehr erfreulich.
Prädikat: ****
Montag, 11. Juni 2012
Ariana Franklin: Der Fluch der Totenleserin (Droemer)
Heinrich II. befiehlt Adelia, seine Tochter Joanna nach Sizilien zu geleiten, wo die Elfjährige mit König William verheiratet werden soll. Dabei setzt der König von England nicht nur auf die ärztlichen Fähigkeiten seiner Totenleserin, die sich auch auf die Heilung höchst lebendiger Menschen ausgezeichnet versteht. Denn der Brautzug transportiert zugleich das sagenumwobene Schwert Excalibur - und das hätten wohl die meisten Herrscher damals gern in Händen gehabt.
Doch auch ohne diese Geheimmission ist die Reise lang, beschwerlich und gefährlich. Kriegszüge und Krankheiten bringen die Reisepläne durcheinander. Und dann beginnt eine Serie seltsamer Unfälle, die sich bald als heimtückische Morde erweisen - und der Mörder unternimmt alles, damit die Reisenden Adelia als die Tatverdächtige ansehen. Nur knapp kann die Ärztin der einem französischen Bischof entrinnen, der sie als Ketzerin betrachtet und zum Tode auf dem Scheiterhaufen verurteilt.
Erst in Sizilien kann sie den Mörder stellen. Doch auch in ihrer einstigen Heimat ist von der einstigen Toleranz, die Juden, Christen und Muslime gleichberechtigt nebeneinander leben ließ, nicht mehr viel zu spüren. Ariana Franklin zeichnet in diesem Historienroman das Bild eines Europa, in dem die Kirche die Macht wieder an sich rafft. Sie zeigt die Ränke und Schachzüge der Herrschenden - und deutet die Auswirkungen an, die diese politischen Entscheidungen auf das regierte Volk haben. Der Leser staunt, und freut sich darüber, dass zumindest Pest, Cholera und Inquisition inzwischen Ver- gangenheit sind.
Prädikat: ***
Doch auch ohne diese Geheimmission ist die Reise lang, beschwerlich und gefährlich. Kriegszüge und Krankheiten bringen die Reisepläne durcheinander. Und dann beginnt eine Serie seltsamer Unfälle, die sich bald als heimtückische Morde erweisen - und der Mörder unternimmt alles, damit die Reisenden Adelia als die Tatverdächtige ansehen. Nur knapp kann die Ärztin der einem französischen Bischof entrinnen, der sie als Ketzerin betrachtet und zum Tode auf dem Scheiterhaufen verurteilt.
Erst in Sizilien kann sie den Mörder stellen. Doch auch in ihrer einstigen Heimat ist von der einstigen Toleranz, die Juden, Christen und Muslime gleichberechtigt nebeneinander leben ließ, nicht mehr viel zu spüren. Ariana Franklin zeichnet in diesem Historienroman das Bild eines Europa, in dem die Kirche die Macht wieder an sich rafft. Sie zeigt die Ränke und Schachzüge der Herrschenden - und deutet die Auswirkungen an, die diese politischen Entscheidungen auf das regierte Volk haben. Der Leser staunt, und freut sich darüber, dass zumindest Pest, Cholera und Inquisition inzwischen Ver- gangenheit sind.
Prädikat: ***
Montag, 9. April 2012
Boris Kálnoky: Ahnenland (Droemer)
Geschichten sind das magische Zentrum, das Herz einer jeden Familie. Das gilt auch für die Familie des Weltbürgers Boris Kálnoky - in München geboren, ungarischer und amerikanischer Staatsbürger, aufge- wachsen in vier Ländern. Doch als er schließlich seiner Heimat begegnet, hat dieses Erlebnis die Wucht eines Erdbebens: "Wir lernten alle möglichen Sprachen, es war ein schönes Leben, und nie hatten wir den Eindruck dazuzugehören, zu dem Land, in dem wir gerade lebten", beschreibt es Kálnoky. "Und dann dieser Tag in Köröspatak - wildfremde Menschen, die einen wiedererkennen, obwohl man noch nie da war, die einen küssen, umarmen und die Wangen tätscheln, und in die Augen sehen mit einem wachen Ausdruck, der prüft, bejaht und willkommen heißt, willkommen daheim, und ein jäher, scharfer Schmerz, dass man solches noch nie erfahren, noch nie dazugehörte."
Der Autor beginnt, sich mit der Geschichte seiner Vorfahren aus- einanderzusetzen - und diese beginnt, sagen die Urkunden, als der König der Ungarn seinem Urahnen Bencenc 1252 ein Stück Land im Széklerland, im südlichen Karpatenbogen, schenkte. 1697 wird der Familie der Grafentitel verliehen. Ende des 19. Jahrhunderts diente ein Kálnoky Kaiser Franz Joseph als Außenminister. Doch nicht alle Familienmitglieder sind gleichermaßen wohlhabend; so bekommt die Familienchronik, die Kálnoky hier mit großer Sorgfalt zu Papier bringt, so manchen Farbtupfer. Mit dem Zerfall der k.u.k. Doppel- monarchie aber wurde das Leben in Köröspatak bereits kompliziert, berichtet der Autor. Und nach dem Zweiten Weltkrieg mussten die Familienmitglieder endgültig fliehen; sie konnten bestenfalls ihr Leben retten. Insofern steht diese Familiengeschichte exemplarisch für viele andere, die einst irgendwo im Osten über viele Genera- tionen eine Existenz aufgebaut hatten. Man darf gespannt sein, ob es den Kálnokys im heutigen Rumänien gelingt, die Geschichte weiter fortzuschreiben, die einst ihre Ahnen begonnen hatten. Ein außer- ordentlich spannendes Buch, das deutlich macht, wie politische Entscheidungen das Leben des Einzelnen beeinflussen und prägen.
Prädikat: *****
Der Autor beginnt, sich mit der Geschichte seiner Vorfahren aus- einanderzusetzen - und diese beginnt, sagen die Urkunden, als der König der Ungarn seinem Urahnen Bencenc 1252 ein Stück Land im Széklerland, im südlichen Karpatenbogen, schenkte. 1697 wird der Familie der Grafentitel verliehen. Ende des 19. Jahrhunderts diente ein Kálnoky Kaiser Franz Joseph als Außenminister. Doch nicht alle Familienmitglieder sind gleichermaßen wohlhabend; so bekommt die Familienchronik, die Kálnoky hier mit großer Sorgfalt zu Papier bringt, so manchen Farbtupfer. Mit dem Zerfall der k.u.k. Doppel- monarchie aber wurde das Leben in Köröspatak bereits kompliziert, berichtet der Autor. Und nach dem Zweiten Weltkrieg mussten die Familienmitglieder endgültig fliehen; sie konnten bestenfalls ihr Leben retten. Insofern steht diese Familiengeschichte exemplarisch für viele andere, die einst irgendwo im Osten über viele Genera- tionen eine Existenz aufgebaut hatten. Man darf gespannt sein, ob es den Kálnokys im heutigen Rumänien gelingt, die Geschichte weiter fortzuschreiben, die einst ihre Ahnen begonnen hatten. Ein außer- ordentlich spannendes Buch, das deutlich macht, wie politische Entscheidungen das Leben des Einzelnen beeinflussen und prägen.
Prädikat: *****
Sonntag, 17. Oktober 2010
Waltraut Lewin: Die Jüdin von Konstantinopel (Knaur)
Das Leben der Dona Gracia Nasi, alias Beatrice de Luna y Mendes, ist für eine Frau ihrer Zeit alles andere als typisch: Die Jüdin führt ein Bank- und Handelshaus von euro- päischer Bedeutung. Sie lebt in Konstan- tinopel, und die Geschäfte laufen gut. Trotzdem ist sie mit ihrem Leben so unzu- frieden, dass sie es beenden will. Denn ihr Reichtum hatte stets ein Ziel: Ihren ver- folgten jüdischen Mitmenschen beizu- stehen, Leben zu retten, wo immer das notwendig wurde. Auf ihrem Weg von Lissabon über Antwerpen, Venedig und Ferrara in das Osmanische Reich hatte sie dazu nur zu oft Gelegenheit.
Nun jagt die Inquisition die Conversos von Ancona, und Gracia hatte versucht, sie mit einem Handelsboykott davon abzubringen. Damit war sie zunächst ziemlich erfolgreich - bis ihre eigenen Glaubens- genossen ihr in den Rücken gefallen sind. Diese Niederlage vergällt ihr das Leben - und ihr Liebhaber Joseph, den sie mit ihrer Tochter verheiratet hat, kann ihr zunächst nur eine Wochenfrist Aufschub bis zu ihrem Freitod abhandeln. Doch dann ernennt der Sultan Gracia zur Steuerpächterin der türkischen Provinz Galiläa. Und plötzlich sieht sie eine Chance, die in ganz Europa verstreuten Juden zurück in nach Israel zu führen.
Dass dieses Unterfangen scheitern wird, weiß der historisch interessierte Leser - doch die Vorgeschichte erzählt Waltraut Lewin außerordentlich spannend und kenntnisreich.
Prädikat: ***
Freitag, 20. November 2009
Das große Märchenbuch (Diogenes)
Wer mit Kindern auf Reisen geht, der sollte dieses kleine Büchlein ins Gepäck legen. Denn es enthält allerbesten Vorlesestoff, und das schier unerschöpflich. Denn Herausgeber Christian Strich hat unter den Märchen Europas die hundert schönsten ausgewählt - quer durch Stoffe und Herkunft. Was für ein Kompendium!
Montag, 16. November 2009
Kari Köster-Lösche: Die Pestheilerin (Droemer)
Die Geschichte einer Reise quer durch Europa, im 14. Jahrhundert. Ganz freiwillig freilich ist Arinna nicht unterwegs: Der Reisegefährte, der ihr bei der Suche nach ihrem verschlepptem Bruder helfen sollte, hat sie an einen Sklavenhändler verkauft, und dieser wiederum hat sie an einen Kaufmann verschachert
Vor der Pest flieht ihr neuer Herr aus Konstantinopel. Doch auch auf dem Schiff, das ihn nach Italien bringen soll, finden sich nach wenigen Tagen die ersten Erkrankten. Arinna pflegt sie, und kann viele Leben retten. Bald schon genießt sie einen erstklassigen Ruf als Pestheilerin. Einige besonders abergläubische Zeitgenossen jedoch beobachten ihre Tätigkeit mit Mißtrauen und mit Furcht.
Spannend erzählt, solide gestaltet - noch eine Empfehlung für Freunde "historischer" Romane!
Sonntag, 15. November 2009
Kurt Peipe: Dem Leben auf den Fersen (Droemer)
62 Jahre alt ist Kurt Peipe, als er nach einer Operation erfährt, dass er schon bald an Krebs sterben wird. Halbwegs wieder auf den Beinen, bricht Peipe auf - von Flensburg nach Rom, zu Fuß, mit Rucksack und Zelt. Die Peipes haben so wenig Geld, dass seine Frau ihn auf dieser Reise nur ein paar Tage begleiten kann.
Gevatter Tod, dem künstlichen Darmausgang und dem knappen Konto zum Trotz, marschiert er durch die Lande. Dabei trifft Peipe viele Menschen, und die meisten helfen ihm freundlich weiter. So kommt der Wanderer voran, hat oftmals ein Dach überm Kopf und wird manchmal sogar an den gedeckten Tisch gebeten. Staunend hören diejenigen, die es interessiert, den Bericht von seiner Reise - wie schon vor hunderten von Jahren die Menschen den Geschichten lauschten, die ihnen Wandernde erzählten. Die Fortbewegung zu Fuß, das Bewältigen des Weges im Rhythmus des eigenen Atems und dank der schmerzenden Füße - das bleibt archaisch, zumal im Zeitalter der Automobile und Flugzeuge. Dem Wanderer bringt es intensive Eindrücke. Und Peipe brachte es auch zu sich selbst.
Nach 166 Tagen war der Wanderer, in jeder Hinsicht gestärkt, am Ziel: in Rom. Mittlerweile hat sich auch sein Lebensweg vollendet. Doch es bleibt dieses treffliche Büchlein, das berührt und beeindruckt.
Prädikat: *****
Michel de Montaigne: Tagebuch einer Reise nach Italien (Diogenes)
"Ich schäme mich immer, wenn ich unsere Landsleute sehe, die in ihre eigene Sitte so verliebt sind, daß sie über alles stutzig werden, was damit nicht übereinkommt. Sie scheinen außer ihrem Element zu sein, wen sie über die Grenzen ihres Dörfleins hinausgehen. Wo sie hinreisen, halten sie sich an ihre Gebräuche und Weisen, und verabscheuen die fremden", spottet Michel de Montaigne. Zweihundert Jahre vor Goethe reiste er quer durch Europa, und was er beobachtete, hielt er mit spitzer Feder in seinem Reisetagebuch fest. Das ist erstaunlich amüsant zu lesen, was ebenso am offenen Sinn des Reisenden wie an seinem exzellenten literarischen Stil liegen mag.
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