Sie stammt aus einer Kaffee-Dynastie, hat alles, was man sich wünschen kann – und fühlt sich dennoch wie im falschen Leben. Louise Jacobs ist in besten Zürcher Kreisen aufgewachsen, und sie lebt nun, schriftstellernd, in Berlin. Doch sie träumt von einem Leben als Cowboy, und irgendwann macht sich auf den Weg nach Amerika: Einmal Glücklichsein, bitte, diesmal ohne Rückflug in die Heimat! Der zweite Versuch scheint dann zu gelingen. Louise Jacob ist immer noch kein Cowboy, aber sie hat einen viermonatigen Hufbeschlagslehrgang an der Cornell University erfolgreich abgeschlossen, und einen Hufschmied geheiratet. Wir gratulieren! Und wir hoffen, dass sie jetzt keine Bücher mehr schreiben muss.
Prädikat: **
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Montag, 21. November 2016
Donnerstag, 6. Oktober 2016
Vera Kühne: Grenzenlos (Pattloch)
„Unsere Heimat liegt innen, aber wir irren immer umher und suchen Trost woanders, in der Außenwelt“, zitiert Vera Kühne ein Zitat, dass sie in Taizé gelesen hat. Die Chirurgin reist seit Jahren umher, und sie hat vielen tausend Menschen in den Krisengebieten unserer Erde geholfen. In diesem Buch berichtet sie über Einsätze in Kolumbien, im Kosovo und im Sudan, in Mazedonien und Papua-Neuguinea, für Ärzte ohne Grenzen, den Malteser Auslandsdienst, das Internationale Rote Kreuz und andere Hilfsorganisationen sowie für die Bundeswehr, bei der sie als Stabsärztin in Afghanistan tätig war. Dabei geht ihre Arbeit oft weit über die reine Krankenversorgung hinaus – ein anstrengendes Leben, das viel Kraft kostet. Immer wieder stellt sie die routinierten Abläufe im wohlgeordneten Deutschland infrage, bricht ab, fängt neu an, wenn sie das Gefühl hat, nicht am richtigen Ort zu sein. Eine beeindruckende Lebensgeschichte. Doch letztendlich wünscht der Leser Vera Kühne, sie möge Halt und Ruhe finden – auch in der Heimat gibt es Probleme, und jede Menge Patienten, die einen engagierten Arzt dringend brauchen.
Prädikat: ***
Prädikat: ***
Freitag, 19. Februar 2016
Ali Mitgutsch: Herzanzünder (dtv)
Ali Mitgutsch, der Erfinder der Wimmel- bücher, erinnert sich an seine Kindheit. Aufgewachsen ist er in der Münchner Maxvorstadt, zwischen Altstadt und Schwabing, in familiärer Geborgenheit, wohlbehütet von Eltern und Geschwistern, gutbürgerlich, wenn auch stets knapp bei Kasse und etwas beengt. Die Abenteuer hielten sich in überschaubaren Grenzen: Der Bierkrug, mit dem die Kinder ausgeschickt wurden, rechtfertigte abendliche Ausflüge, und statt einer Haustürklingel gab es den Familienpfiff. Doch die Idylle bekam bald Risse; die Nächte im Luftschutzkeller waren schlimm, aber noch viel schlimmer war die Evakuierung ins Allgäu, wo die Städter gar nicht beliebt waren und es sehr schwer hatten. Nach dem Kriegsende war München mit all den Ruinen für die Kinder ein Abenteuerspielplatz, und zugleich Schauplatz für eine Vielzahl von kleinen Anekdoten und Geschichten. Herzanzünder ist wie ein erzähltes Wimmelbild, liebevoll kleinteilig gestaltet, mit ein bisschen Nostalgie und mit viel Humor.
Prädikat: ****
Prädikat: ****
Dienstag, 5. Januar 2016
Slimane Kader: Ocean King (Droemer)
Ein junger Mann, halb Franzose, halb Algerier, will der Pariser Vorstadt entkommen. Also heuert er auf einem Kreuzfahrtschiff an – als Hilfskellner, wie er meint. Dieser Irrtum korrigiert sich bald, denn statt einer schmucken Uniform gibt’s Drillich, und an Arbeit alles, was gerade so anfällt – vom simplen Aufwischen bis zum Reinigen von Schwimmbad-Reinigungsrobotern, und vom Vergiften von Schaben bis zum Anfertigen leckerer Grillspieße in der Küche. 14 Stunden am Tage, sieben Tage in der Woche. Der Job verändert den Mann: „Joker sein ist eine Art Militärdienst“, schreibt Slimane. „Nach ein paar Wochen erfasst dich dieses ganz bestimmte Gefühl. Du begreifst es nicht gleich … (..) Und dann … beginnt die Sache dir zu gefallen! All die beschissenen Arbeiten fühlen sich plötzlich an wie das Fastenbrechen. Du willst mehr davon! Und weißt du, warum? Weil du beim Arbeiten jeden Tag weißt, was du zu tun hast. Du weißt, warum du es tust und wie du es tust. Das Leben wird sichtbar. Es gibt keine Überraschungen. Keinen Stress. Du bewegst dich innerhalb einer Ordnung, und das ist das pure Glück.“
Der Joker steigt auf, aus dem Bauch des Schiffes geht es allmählich an Deck. Doch das ist nicht wirklich wichtig. Viel wichtiger ist die Tatsache, dass der Autor dieses Buches grandios erzählt. Selbst wenn er oftmals so naiv herumtapst, dass es fast peinlich ist – wie er das schildert, das ist hohe Kunst, und man drückt ihm unwillkürlich beide Daumen, für seine Zukunft in der Literatur. Denn die braucht solche Stimmen.
Prädikat: *****
Der Joker steigt auf, aus dem Bauch des Schiffes geht es allmählich an Deck. Doch das ist nicht wirklich wichtig. Viel wichtiger ist die Tatsache, dass der Autor dieses Buches grandios erzählt. Selbst wenn er oftmals so naiv herumtapst, dass es fast peinlich ist – wie er das schildert, das ist hohe Kunst, und man drückt ihm unwillkürlich beide Daumen, für seine Zukunft in der Literatur. Denn die braucht solche Stimmen.
Prädikat: *****
Mittwoch, 1. Mai 2013
Michel Ruge: Bordsteinkönig (Knaur)
Dies ist die Lebensgeschichte von Michel Ruge, geboren 1969 auf Sankt Pauli. Der Vater: Bordellbesitzer. Die Mutter: Kellnerin – oder so. Um den Jungen kümmert sich die Oma; er wächst in einem Etablissement auf, dessen Zweck er zunächst nicht versteht. Einer Hure verdankt Michel auch seinen ersten Sex, mit Zwölf. Und während er der Schule gar nichts abgewinnen kann, bewundert er die Luden, die im Mercedes auf der Reeperbahn vorfahren.
Selbstverständlich wird ein Junge aus dem Kiez Mitglied einer Gang. Doch dann staunt der Leser. Denn die Berichte von den Schlägereien und Auseinandersetzungen, die sich die Kids untereinander liefern, machen den Hauptteil dieses Buches aus. Das ist nicht eben viel Substanz für eine "wilde Jugend" - aber ziemlich viel Nostalgie. Was soll denn das? so alt ist der Autor doch noch gar nicht. Und so mancher Satz zeigt, dass er die Veränderun- gen um sich herum sehr wohl mit wachen Augen beobachtet hat. Schade, aber da sehe ich mehr Potential für eine spannende Geschichte.
Prädikat: --
Montag, 22. April 2013
Karl O. Kagel: Geschenksendung, keine Handelsware (Athene Media)
Professor Dr. Karl Otto Kagel floh 1988 mit seiner Familie aus der DDR. In diesem Buch erzählt er seine Geschichte. Sie beginnt in einem Bauernhof in Vorpommern - und führt Kagel bis zu einer Professur an der Ernst-Moritz-Arndt-Universität in Greifswald.
Viele kleine Nadelstiche sind es dann, die dem Chirurgen und Radiologen das Dasein im Arbeiter- und Bauernstaat vermiesen. Irgendwann sieht er für sich und seine Angehörigen dort keine Zukunft mehr - und wählt die Flucht, die er glücklicherweise sehr klug vorbereitet hat. Was er dann allerdings über seine Ankunft im "Westen" berich- tet, das ist desillusionierend. Wie also kann man ein anständiger Mensch bleiben, inmitten von Intrigen, Neid und Korruption? Die Antworten, die Kagel darauf gibt, lassen für unsere Gesellschaft grundsätzlich nicht viel Hoffnung.
Prädikat: ****
Viele kleine Nadelstiche sind es dann, die dem Chirurgen und Radiologen das Dasein im Arbeiter- und Bauernstaat vermiesen. Irgendwann sieht er für sich und seine Angehörigen dort keine Zukunft mehr - und wählt die Flucht, die er glücklicherweise sehr klug vorbereitet hat. Was er dann allerdings über seine Ankunft im "Westen" berich- tet, das ist desillusionierend. Wie also kann man ein anständiger Mensch bleiben, inmitten von Intrigen, Neid und Korruption? Die Antworten, die Kagel darauf gibt, lassen für unsere Gesellschaft grundsätzlich nicht viel Hoffnung.
Prädikat: ****
Dienstag, 11. Dezember 2012
Heide Meyer: Mutter Corsage (Knaur)
"Meine wichtigste Mission ist aber erfüllt: Büstenhalter, ob nun mit Schaumstoff- kissen, mit Strassverzierungen oder Silikonpads, ob durchsichtig und elastisch, ob formend oder nicht, sie sind nicht totzukriegen." Das ist die Bilanz, die Heide Meyer, Miederwarenverkäuferin aus Berlin ("Lady M"), nach vielen Jahren im Geschäft zieht.
Sie hat, unterstützt durch die Journalistin Silke Kettelhake, ihre Autobiographie zu Papier gebracht. Wer aber tatsächlich "Enthüllungen" erwartet, der hat das falsche Buch in der Hand. Meyer berichtet viel Interessantes aus der Nachkriegszeit. Und sie erzählt mit Humor von den nicht immer glücklichen Entscheidungen ihres Lebens, von den Dessous, die sie verkauft hat, und vom Wandel der Zeiten. Wer sich nicht daran stört, dass Mode wohl immer auch mit einer großen Portion Eitelkeit verbunden ist, der wird sich über Meyers Nähkästchen-Geplauder amüsieren.
Prädikat: **
Sie hat, unterstützt durch die Journalistin Silke Kettelhake, ihre Autobiographie zu Papier gebracht. Wer aber tatsächlich "Enthüllungen" erwartet, der hat das falsche Buch in der Hand. Meyer berichtet viel Interessantes aus der Nachkriegszeit. Und sie erzählt mit Humor von den nicht immer glücklichen Entscheidungen ihres Lebens, von den Dessous, die sie verkauft hat, und vom Wandel der Zeiten. Wer sich nicht daran stört, dass Mode wohl immer auch mit einer großen Portion Eitelkeit verbunden ist, der wird sich über Meyers Nähkästchen-Geplauder amüsieren.
Prädikat: **
Donnerstag, 30. August 2012
Katrin Behr / Peter Hartl: Entrissen (Droemer)
Wer in der DDR nicht funktionierte - und dazu reichte es mitunter aus, mehrfach zu spät zur Arbeit zu erscheinen - dem drohte die Höchststrafe: Jederzeit konnte der Staat Familien die Kinder wegnehmen, um sie an linientreue Ehepaare weiterzureichen. Damit verfolgten die Behörden gleich zwei Ziele: Aufsässige Bürger zu disziplinieren und, falls dies im Einzelfall doch nicht gelang, zu- mindest ihre Kinder im Geiste des Arbeiter- und Bauernstaates zu erziehen.
Wie brutal dies im Einzelfall verfolgt wurde, und welche Folgen das für die Betroffenen hatte, berichtet Katrin Behr in ihrer Autobiographie. Es ist ungemein wichtig, dass es dieses Buch gibt. Denn auch dies ist DDR-Geschichte. Und wer dieses Buch gelesen hat, der wird es garantiert nicht mehr bedauern, dass dieser Staat untergegangen ist: "Alles für das Wohl des Volkes"? Alles Märchen! Der konkrete Bürger war damit jedenfalls nicht gemeint.
Prädikat: ****
Wie brutal dies im Einzelfall verfolgt wurde, und welche Folgen das für die Betroffenen hatte, berichtet Katrin Behr in ihrer Autobiographie. Es ist ungemein wichtig, dass es dieses Buch gibt. Denn auch dies ist DDR-Geschichte. Und wer dieses Buch gelesen hat, der wird es garantiert nicht mehr bedauern, dass dieser Staat untergegangen ist: "Alles für das Wohl des Volkes"? Alles Märchen! Der konkrete Bürger war damit jedenfalls nicht gemeint.
Prädikat: ****
Samstag, 14. April 2012
Andre Agassi: Open (Knaur)
Schon als Kind hasst Andre Agassi Tennis. Doch gnadenlos zwingt ihn sein Vater zum Training. Und das Einwandererkind ist ein Talent; schon bald verdient er Geld auf dem Tennisplatz. Doch bis zum Superstar ist es ein langer Weg. Agassi erzählt von seinen Erfahrungen in der Welt des Spitzensports - und zerstört damit so manche Illusion. Das ist auch sein Ziel, denn inzwischen musste er feststellen, dass er außer Tennis nicht viel gelernt hatte. Um benachteiligten Kindern einen besseren Start ins Leben zu ermöglichen, baute Agassi eine Schule - und darum kümmert er sich heute, gemeinsam mit seiner Frau Steffi Graf. Ein großartiges Lebenswerk, und eine faszinierende Lebensgeschichte.
Prädikat: ****
Prädikat: ****
Sonntag, 24. Oktober 2010
Hans Sahl: Memoiren eines Moralisten / Das Exil im Exil (Luchterhand)
Hans Sahl, geboren 1902 als Sohn eines jüdischen Industriellen in Dresden, wirkte im Berlin der 20er Jahre als Kritiker und Kulturjournalist, und schrieb Gedichte, Erzählungen und Theaterstücke. 1933 rettete er sich durch die Flucht - zunächst nach Prag, und dann über Zürich, Paris und Marseille nach New York. In den beiden autobiographischen Werken, die in diesem Buch zusammengefasst sind, berichtet er von seiner Kindheit in der sächsischen Landeshauptstadt, von seinen Jugendjahren, und von seinem Leben in Berlin.
Er erinnert an das faszinierende kulturelle Leben jener Zeit, er erzählt von der Flucht, vom Schicksal der Vertriebenen und der Gebliebenen, und vom Erlöschen der deutschen Kultur, zerrieben zwischen Terror und Exil - erschossen, zerbombt, vertrieben, vergast, verhungert, verstummt. Erstaunt lernt man einen ebenso wortgewaltigen wie unbestechlichen Chronisten kennen - was für ein Werk, und was für eine sprachliche Präzision!
Sonntag, 15. November 2009
Emily Wu: Feder im Sturm (Knaur)
Diese Autobiographie bricht ein Tabu. Sie schildert "Meine Kindheit in China", so der Untertitel des Buches - und zwar zur Zeit der Kulturrevolution. Maos Rote Garden hausen unbeschreiblich. Denn die bisherige Elite soll ausgelöscht werden - vom Dichter bis zum Händler, und vom Lehrer bis zum Handwerker. Emily Wu ist die Tochter eines Professors, und ihr Vater hat obendrein in Amerika studiert.
Ein Volk von Bauern wünscht sich Mao. Und so werden, so sie denn bis dahin überlebt haben, die Familien auseinander gerissen. Die Intelligenz wird aufs Land geschickt; sie soll vom Bauern lernen. Verfolgung, Gewalt, Hunger und Demütigung - was Wu hier aufgeschrieben hat, das ist im Westen bislang noch viel zu wenig bekannt.
Doch wer dieses Buch gelesen hat, der wird entsetzt sein darüber, wie der chinesische Staat wohl noch heute mit seinen Bürgern umgeht. Und sich fragen, wie lange die Menschen dort sich die korrupten Funktionäre sowie ein Leben in Drangsal und Elend noch gefallen lassen.
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