Samstag, 23. Januar 2016

Johanna Marie Jakob: Das Erbe der Äbtissin (Knaur)

Die ehemalige Äbtissin Judith und der maurische Arzt Silas fliehen über die Alpen nach Italien. In einer einsamen Hütte in den Bergen vertraut ihnen eine sterbende Frau ihr Kind an: Luna hat schlohweißes Haar, blaue Augen – und wundersame Fähigkeiten. Die Flucht misslingt, in Salerno nimmt Markward von Annweiler sie gefangen und bringt sie in das Lager von König Heinrich VI. Dort werden Ärzte gebraucht, denn unter den Belagerern von Neapel grassiert das Fieber. Auch Heinrich ist schwer erkrankt. Johanna Maria Jakob schreibt mit diesem Buch die Geschichte der Judith von Lare weiter, die sie in Das Geheimnis der Äbtissin als Vertraute der Beatrix eingeführt hat, der jungen Frau des Kaisers Friedrich Barbarossa. Spannend und detailreich erzählt
die Autorin, und sie lässt ihre Helden die historischen Ereignisse im 12. Jahrhundert an der Seite Heinrichs erleben – bis zu seinem Tod in Messina, wo er 1197 bei der Vorbereitung eines Kreuzzuges der Malaria erlag. 


Prädikat: ***

Freitag, 22. Januar 2016

Sandra Lessmann: Die Winterprinzessin (Knaur)

Die Zeit nach dem Ende des Bürgerkrieges zwischen den Anhängern des Parlamentes und den Royalisten war konfliktreich. Um seine Position zu stärken, schloss der englische König Karl II. mit dem französischen König Ludwig XIV. den Vertrag von Dover. In diese Situation führt uns dieser historische Roman von Sandra Lessmann: Auf der Rückreise von Frankreich ist ein Bote des englischen Königs verschwunden. Das ist für Charles ein hohes Risiko, denn der Briefwechsel zwischen Charles und seiner Schwester Henriette-Anne, der Schwägerin von König Louis, enthält brisante Details. Und so sendet Charles den Jesuitenpater Jeremy Blackshaw nach Paris; er soll sowohl die verlorene Korrespondenz als auch den Boten finden. Nach Frankreich reisen auch Amoret de St. Clair, eine frühere Maitresse des Königs, mit dem französischen Hof ebenfalls bestens vertraut, und ihr Mann Breandán Mac Mathúna, ein Ire, der bis auf weiteres den Botendienst übernehmen soll. Die Mission ist gefährlich, wie alle Beteiligten bald feststellen müssen. Ein spannender Roman, sorgfältig recherchiert und gekonnt erzählt.

Prädikat: ***

Sam Eastland: Roter Schmetterling (Knaur)

Auf der Jagd nach dem Bernsteinzimmer sind nicht nur Hitlers Truppen. Auch Stalin schickt seine Leute aus: Inspektor Pekkala soll verhindern, dass das berühmte Geschenk des preußischen Königs an den Zaren in die Hände der Nazis fällt. Dabei soll ihm Leutnant Tschurikowa assistieren, eine Kunstexpertin, die auch den Gegen- spieler kennt, den deutschen Professor Gustav Engel. Sie werden durch die Front nach Zarskoje Selo gebracht. Was Pekkala nicht weiß: Tschurikowa ist für die Nazis tätig. Was wiederum Tschurikowa nicht ahnt: Die Nazis brauchen sie nicht mehr, nachdem sie verraten hat, wie die Bernstein-Tafeln transportfähig gemacht werden können. 
Sam Eastland bringt in seinem jüngsten Kriminalroman Inspektor Pekkala zurück an den Zarenhof, an dem das Smaragdauge einst im Dienste des Zaren tätig war. Es könnte der letzte Fall sein, der ihm von Stalin aufgezwungen worden ist – obwohl der Diktator nicht daran glauben will, dass die verkohlte Leiche, die neben dem Lkw gefunden wurde, auf dem das Bernsteinzimmer verbrannt ist, die seines Meisterspions sein soll. Das Unbehagen beim Lesen will allerdings auch bei diesem Band nicht verschwinden. Auch wenn er gut gemacht ist - aber es ist schauderhaft, eine Kulisse wie diese für einen Krimi zu nutzen.  

Prädikat: **

Stefanie Baumm: Am Anfang war der Tod (Droemer)

25 Jahre lang hatten sich Vater und Sohn nicht mehr gesehen: Eckhard Falkner, Pastor in dem norddeutschen Dörfchen Moorbek, und Leif Falkner, ehemals BKA, jetzt mit dem Motorrad unterwegs nach Skandinavien. Weil sein Vater ihn darum gebeten hat, ist Falkner zurück in die Heimat gekommen. Doch was er ihm mitteilen wollte, das bleibt unausge- sprochen. Denn Falkner findet den Pastor mit zertrümmertem Schädel, in seiner Kirche liegend. 
Die Dorfbewohner sind nicht sehr mitteilsam. Die Kieler Kommissare Stahl und Harms treffen überall auf eisiges Schweigen. Seltsame Dinge geschehen in Moorbek – doch niemand will etwas gesehen oder gehört haben. Falkner versteht zwar, was vorgeht. Aber auch er hat kein Interesse daran, vor einen Richter zu bringen, was die Moorbeker lieber unter sich ausmachen. Stefanie Baumm zeigt in diesem beklemmenden Krimi, wie Menschen mit Schuld umgehen, die sie auf sich geladen haben – und was das Schweigen anrichtet. Gruslig! 

Prädikat: ***

Mechtild Borrmann: Wer das Schweigen bricht (Droemer)

Im Nachlass seines Vaters findet Robert Lubisch das Foto einer schönen Frau – und den SS-Ausweis eines Unbekannten. Blutbefleckt, das Photo unkenntlich, der Name lautet „Wilhelm Peters“. Auf der Rückseite des Photos steht der Name eines Ateliers in Krankenburg am Niederrhein. Lubisch geht auf die Suche nach der Unbekannten, um ihr die Papiere zu bringen – und er ahnt nicht, dass er damit in ein Wespennest sticht: Sechs Nachbars- kinder sind sie einst gewesen. Doch dann kam der Krieg. Und nichts blieb so, wie es zuvor war. Eine Geschichte von Eifersucht und Verrat, gekonnt erzählt von Mechtild Borrmann. Die Autorin zeigt, dass kleine Ursachen oftmals verheerende Aus- wirkungen haben. Aus dem ländlichen Idyll erwächst eine geradezu klassische Tragödie, die letztendlich das Leben aller Beteiligten zerstört – selbst Lubisch muss erkennen, dass sein Vater, der erfolgreiche Bauunternehmer Friedhelm Lubisch, ein Phantom war. 

Prädikat: ****

Freitag, 8. Januar 2016

Jung Chang: Wilde Schwäne (Droemer)

Von den Frauen ihrer Familie und ihrem Leben in China berichtet Jung Chang. Noch ihre Großmutter hatte gebundene Füße. Sie war die Tochter eines Polizeibeamten aus der Mandschurei, und wurde 1924 die Konkubine eines Provinzgenerals. Nach seinem Tode heiratete sie einen Arzt. In den Wirren der damaligen Zeit, mit wechselnden Herrschern – Japanern, Russen, den Kuomintang – wuchs ihre Mutter auf. Sie lernte fleißig, und wurde eine Revolutionärin. Sie heiratete dann auch einen hohen Funktionär, was die Familie allerdings nicht schützte, als Mao erst den „Großen Sprung“ ausrief, und dann die Kulturrevolution. Jung Chang, selbst einst Mitglied der „Roten Garden“, zeigt in ihrem Buch, wie durch die rücksichtslose Umsetzung politischer Ideen Millionen Menschen ums Leben kommen, und welches Leid die Überlebenden zu ertragen haben. Vieles deutet sie nur an – doch es bleibt schrecklich genug. Wer etwas über die Geschichte Chinas in den letzten hundert Jahren lernen möchte, der muss dieses Buch unbedingt lesen. 

Prädikat: *****

Arnold van de Laar: Schnitt! (Pattloch)

Mut, Autorität, Wissen, Geschick und Erfahrung – so beschreibt Arnold van de Laar die Voraussetzungen für einen Beruf, der erstaunlich alt ist: Auch wenn er noch nicht so hieß – aber ein cheirourgos, abgeleitet von cheiros für Hand und ergon für Werk/Arbeit, wird wohl schon in prähistorischer Zeit Wunden, Abszesse und Knochenbrüche versorgt haben. 
Anhand von 28 Operationen erzählt der niederländische Chirurg die Geschichte seines Faches. Vom Steinschneiden und der Wundversorgung auf dem Schlachtfeld, in den dunklen Anfangszeiten der Chirurgie, als noch ohne Betäubung amputiert wurde, bis hin zur modernen minimalinvasiven Operation erläutert er, was genau geschieht und worauf es dabei ankommt. Und damit sein Buch nicht nur interessant ist, sondern auch unterhaltsam, hat van de Laar dafür einige berühmte Fälle ausgewählt, vom persischen König Darius über Präsident Kennedy bis hin zu Papst Johannes Paul II. 

Prädikat: *****