Montag, 2. April 2012

Fred Uhlman: Der wiedergefundene Freund (Diogenes)

Zwei 16jährige Jungen lernen am renom- mierten Karl-Alexander-Gymnasium in Stuttgart. Hans Schwarz ist der Sohn eines Arztes, Konradin von Hohenfels entstammt einem alten und reichen Adelsgeschlecht. Die beiden sind befreundet - doch plötzlich wird Hans aus seinem geregelten Leben gerissen. Denn diese Novelle berichtet von einer Schülerfreundschaft im Jahre 1933. 
Die Eltern senden Hans zu Verwandten nach Amerika. Sie glauben zunächst noch, weiter in Deutschland leben zu können, und gehen in den Freitod, als sie ihren Irrtum erkennen. Der Gymnasiast wird Amerikaner; er schlägt nicht einmal mehr ein deutsches Buch auf. Auch seinen Freund glaubt er verloren. 
Dieses kleine Büchlein ist große Literatur. Der Leser staunt darüber, wie Fred Uhlman die Schrecknisse jener Jahre in einer Miniatur fasst - und dabei auch die Schönheiten der verlorenen Heimat nicht ver- gisst, die "dunklen Forsten, duftend nach Pilzen und bernstein- farbenem Harz", Rhein, Neckar und Bodensee, und das geliebte Tübingen, die Hölderlinstadt.   


Prädikat: *****

Susanne Schädlich: Westwärts, so weit es nur geht (Droemer)

Susanne Schädlich, die Tochter des Schriftstellers Hans Joachim Schädlich, ist zwölf Jahre alt, als ihre Eltern aus der DDR in die BRD übersiedeln. Die verlorene Heimat ist ihr Trauma und ihr großes Thema - um sie wiederzufinden, flieht sie 1987 nach Los Angeles. Elf Jahre lebt sie dort, als Fremde unter Fremden. Denn in den USA sind fast alle Flüchtlinge, irgendwie. 
Nun reist sie erneut nach L.A., für sieben Tage. Denn eine Freundin aus jener Zeit liegt im Sterben. Und während sie die Freundin in den Tod entgleiten sieht, erinnert sich die Autorin an ihr Ringen mit dem Gefühl der Fremdheit, an ihre Sehnsucht nach dem Zuhause, und an ihr Leben in Amerika. Ein Buch, das fasziniert und befremdet zugleich in seiner Leidenschaft. 


Prädikat: **

Justyna Polanska: Nicht ganz sauber (Knaur)

Was geschehen ist, nachdem "Justyna Polanska" ihr erstes Buch veröffentlich hat, das berichtet das zweite Buch - und es ist durchaus damit zu rechnen, dass es erneut ein Bestseller wird. 
Denn die Leute sind furchtbar neugierig, und wie es in fremden Haushalten zugeht, das scheint für viele außerordentlich spannend und interessant zu sein. Erneut erzählt also die polnische Putzfrau von den Erlebnissen mit ihren Kunden - zumindest denjenigen, die nicht ganz sauber sind. Humor hat "Justyna", es darf also geschmunzelt werden. 


Prädikat: *

Freitag, 30. März 2012

Hansjörg Schneider: Flattermann (Diogenes)

Es ist Sommer in Basel. Kriminalkommissär Peter Hunkeler nimmt sein morgendliches Bad im Rhein. Als er gerade dabei ist, in der Sonne zu trocknen, beobachtet er, wie ein Mann von einer Brücke in den Fluss stürzt. Er hört dessen Schreie, und sieht ihn panisch mit den Armen rudern. Zu retten ist der Flattermann nicht mehr. Doch an den Selbstmord, den die Kollegen annehmen, glaubt Hunkeler nicht. Er folgt den Spuren des Alten - und findet dabei ein Stück weit sich selbst. 
Hansjörg Schneider hat etwas übrig für Lebensläufe, die nicht geradlinig verlaufen, für knorrige, eigensinnige Charaktere. Liebevoll erkundet auch Hunkelers zweiter Fall eine solche Seelenlandschaft. Es sind leise Krimis, doch sie sind hervorragend erzählt und unglaublich spannend; ihr Ausgang überrascht vollkommen. Das hebt sie heraus aus der Masse der marktüblichen Unterhaltungsromane - Hunkeler ist anders, und der schrullige Ermittler wird vielleicht sogar einmal einen Platz in den Reihen der legendären Ermittler erhalten. 


Prädikat: ****

Dora Prinz & Sabine Eichhorst: Ein Tagwerk Leben (Knaur)

1936, gerade 16 Jahre alt, verdingt sich Dora Prinz zum ersten Mal als Magd. Sie ist die älteste Tochter; die Eltern haben wenig, und müssen noch drei Mäuler stopfen. Harte Arbeit ist Dora bereits gewohnt: "Ich hab daheim müssen mel- ken, mähen und misten. Ich kann Holz hacken, dreschen und Mehl machen. Ich kann kochen, buttern, nähen, stopfen, einwecken", berichtet sie dem Bauern. Und ein Kalb habe sie auch schon allein geholt. 
Die Arbeit in Haus und Hof bleibt hart. In den 40er Jahren kommen die ersten Maschinen in die Dörfer - Balkenmäher, Melkmaschinen, Kartoffelroder, Traktoren. Der Lebensbericht von Dora Prinz fasziniert, nicht zuletzt weil er noch eine Ahnung davon vermittelt, wie gewirtschaftet wurde, bevor es Waschmaschinen, Kühlschränke, Elektroherde und Supermärkte gab. Und er fasziniert, weil die junge Frau - egal, wie sie von ihren Dienstherrn schikaniert worden ist - sehr stolz und selbstbewusst durchs Leben gegangen ist. 
Ende der 50er Jahre suchte sich Dora Prinz dennoch eine andere Arbeit. Einen halben Tag frei hatten Knechte und Mägde, nach dem Füttern, Melken und Misten am Sonntag, für den Kirchgang und ein paar private Erledigungen. Abends, pünktlich zum Melken und Füttern, mussten sie zurück sein. Und die Urlaubstage konnten sie an ihren Fingern abzählen. Irgendwann hatte sie genug:  "Man muss grad bleiben im Leben", sagt Dora Prinz. Dieses Buch ist der Beleg dafür, dass sie nicht einmal die Zeit beugen konnte. Wirklich sehr beeindruckend - und obendrein wundervoll geschrieben. 


Prädikat: ****

Mittwoch, 28. März 2012

Martin Walker: Schwarze Diamanten (Diogenes)

Trüffel sind der wichtigste Bodenschatz des Périgord. Auch einige Bürger des Städtchens Saint-Denis verdienen ein gutes Zubrot damit. Doch es gibt Ärger, denn ein Händler im Nachbardorf vermengt offenbar die "schwarzen Diamanten" mit billigen Importen aus Asien. Bruno Courrèges, Chef de police, muss in der Sache ermitteln. 
Er stürzt sich in die Arbeit, als er seinen alten Freund Hercule Vendrot ermordet auffindet, den größten Trüffelexperten der Region - und ein Mann mit Vergangenheit. Denn er war einst als Geheimagent in Indochina, in Algerien und auch in Frankreich tätig. 
Die Spurensuche freilich wird mehr und mehr zu einer unerquicklichen Angelegenheit. Denn je weiter zurück in der Vergangenheit die Spuren reichen, desto mehr ergeben die Puzzleteile ein Bild - und das zeigt mehr und mehr, dass auch in Saint-Denis so mancher Mitbürger schwarze Flecken auf der weißen Weste hat. Natürlich wird auch der dritte Fall durch Bruno aufgeklärt - aber nicht nur er wird dadurch etliche Illusionen einbüßen. Ein toller Krimi, der nebenbei auch Lektionen über einige Kapitel französischer Geschichte enthält, die man dort sicherlich gern vergessen würde. 


Prädikat: ****

Karen Rose: Todesstoss (Knaur)

Eve Wilson, angehende Psychologin, arbeitet an einem interessanten Forschungsprojekt: Shadowland, eine psychologische Studie, die auf einer virtuellen Community beruht. Doch dann stellt sie fest, dass ihr die Probanden abhanden kommen. Die Frauen sind tot, und der Killer hat sie in ihren letzten Minuten genau mit dem Szenarium konfrontiert, das sie am meisten fürchteten. Die Mordkommission jagt den Täter, aber die Polizisten kommen immer zu spät. Eve graut es, denn sie ahnt, dass der Psychopath auch hinter ihr her ist - und sie hat einen Mordanschlag überlebt. Karen Rose gelingt erneut ein Thriller, den man kaum aus der Hand legen mag. Dieses Buch ist unglaublich spannend!  


Prädikat: ***