Freitag, 5. Februar 2016

Courtney Miller Santo: Das Pfirsichhaus (Heyne)

Lizzie hat bislang Fußball gespielt, und wollte eigentlich noch an der Olympiade teilnehmen, bevor es Zeit wird, mit dem Leistungssport aufzuhören. Eine Verletzung zwingt sie, über ihre Zukunft nachzudenken. Da erfährt sie, dass das Haus ihrer geliebten Grandma Mellie abgerissen werden soll, bei der sie als Kind sehr glücklich war. 
Und weil ihre Cousinen Elyse und Isobel gerade eben auch nichts besseres zu tun haben, beschließen die Mädels, ein paar Monate am Mississippi zu verbringen und das verwinkelte Haus zu retten. Gemeinsam gehen sie daran, es zu renovieren – was jede Menge Abenteuer mit sich bringt, von Stress mit den Behörden über verborgene Bauschäden und bekloppte Handwerker bis hin zu versteckten Familiendokumenten und gänzlich neuen Ideen, wie es auf dem Lebensweg weitergehen könnte. 
Ein Roman, der sich liest wie eine Semesterarbeit im Fach Kreatives Schreiben – umständlich, so konstruiert, dass man die Story förmlich klappern hört beim Umblättern, und bis die eigentliche Geschichte in Gang kommt, dauert es eine gefühlte Ewigkeit. Also mein Fall ist dieses Buch nicht. 

Prädikat: --

Lilli Gruber: Das Erbe (Droemer)

In Pinzon ist sie zur Welt gekommen, in diesem kleinen Dorf hat sie – abgesehen von ihrer Ausbildung im Internat der Englischen Fräulein in Brixen und von wenigen kurzen Reisen – ihr ganzes Leben verbracht, und dort liegt sie auch begra- ben. Rosa Rizzoli, geborene Tiefenthaler, war die Urgroßmutter der Journalistin Lilli Gruber. Geboren wurde sie 1877; damals gehörte ihre Heimat Tirol noch zu Öster- reich-Ungarn: Man sprich Deutsch, und isst Knödel und Sachertorte. 
Die Familie ist vermögend; Rosa trägt Verantwortung nicht nur für ihre Familie, sondern auch für das Gut, die Dienstboten und die Mägde und Knechte. Lilli Gruber hat ihre Urgroßmutter, die 1940 gestorben ist, niemals kennengelernt; umso mehr interessiert sie sich für die Berichte und Gedanken, die sie ihren Tagebüchern anvertraut hat. Ihre Aufzeichnungen beginnen im Jahre 1902 und brechen Weih- nachten 1939 ab. 
In diesem Zeitraum hat sich in dieser Region vieles verändert: 1918 wurde Südtirol bis hinauf zum Brenner Italien zugeschlagen. Für die Südtiroler war dies ein Trauma; Lilli Gruber beschreibt anhand der Notizen ihrer Urgroßmutter, wie stark die Politik sich bis in die Familien hinein auswirkte. Geschichte, lebendig und lehrreich ver- mittelt – ein Buch, das beeindruckt und betroffen macht. 

Prädikat: ****

Donnerstag, 4. Februar 2016

Sabine Ebert: 1815 - Blutfrieden (Knaur)

„Mein Anliegen für dieses Buch war es (..) zu beleuchten: Was geschah eigentlich zwischen Völkerschlacht und Waterloo, insbesondere auf deutschen Boden?“, erklärt Sabine Ebert im Nachwort zu diesem Buch. Denn als 1813 Napoleon in der Völkerschlacht bei Leipzig geschlagen wird, ist er noch lange nicht besiegt – es dauert noch mehr als anderthalb Jahre, bis er 1815 bei Waterloo endgültig bezwungen wird. Statt des ersehnten Friedens erleben viele deutsche Städte allergrößtes Elend. Die Autorin schildert in ihrem Buch den Rückzug der Armee Napoleons unter dem Druck der nachrückenden Verbündeten, und die Aus- wirkungen dieser großräumigen Truppenbewegungen auf die betroffene Bevölkerung. Dem Leser begegnen Personen aus allen sozialen Schichten – vom General bis zur Marketenderin und vom König bis zum Kanonier und vom Bürgermeister bis zum Totengräber. Sabine Ebert hat sich für dieses Buch auf eine gründliche Spurensuche begeben. Sie hat in den Archiven mehr als fünfzigtausend (!) Seiten Originalquellen studiert und sich mit Historikern und Militärs beraten. All die Stadtchroniken, Briefwechsel, Tagebücher, Zeitungs- und Augenzeugenberichte, Fach- und Sachbücher, Expertenhinweise und Ortsbegehungen sind in dieses Buch eingeflossen. Diese irrwitzige Arbeit hat sich gelohnt. Der Autorin ist ein Buch gelungen, das den Krieg mit all seinen Schrecken überaus lebendig darstellt und den Leser in eine Zeit führt, die aus dem Gedächtnis Europas leider bereits weitgehend verschwunden ist. Ergreifend! 

Prädikat: ****

Dienstag, 2. Februar 2016

Iny Lorentz: Das wilde Land (Knaur)

Der dritte Teil der großen Auswanderer- saga von Iny Lorentz! In diesem Roman berichtet das Münchner Autorenpaar über die Ansiedlung europäischer Siedler im Norden Mexikos – und über die Abspaltung ausgedehnter Gebiete und deren Anglie- derung an die Vereinigten Staaten nach dem Texanischen Unabhängigkeitskrieg 1835/36. Walther Fichtner, der einstige bettelarme Einwanderer, ist in Texas ein einflussreicher Mann geworden. Doch mit der Politik hat er so seine Probleme. Das liegt zum einen daran, dass Lamar, der Nachfolger von Präsident Sam Houston, die Komantschen aus ihren Jagdgründen vertreiben und sich dieses Land aneignen will. Auch die Siedler müssen stets ein waches Auge auf ihr Eigentum haben – Fichtner besitzt vieles, was andere ebenfalls gern hätten, und so muss er sich gegen so manchen Raubzug zur Wehr setzen. Zum anderen gehört Texas zu jenen Staaten, in denen Sklaverei erlaubt ist – und die Familie Fichtner leidet ganz besonders unter dem Rassendünkel der Sklavenhalter. Denn Fichtners zweite Frau Nizhoni ist eine Indianerin.

Prädikat: **

Martha Lea: Die Entdeckungen der Gwen Carrick (Droemer)

„Wenn eine junge Frau ein Bild eines hübschen roten Käfers malt, (..) wird es ,entzückend' genannt, und für die Künstlerin wird rasch ein Ehemann gefunden. Wenn ein junger Mann eine anatomische Studie eines Rotköpfigen Feuerkäfers anfertig, wird er zur Universität geschickt.“ Mit diesen Worte fasst Gwen Carrick, die Heldin dieses Romans, eine Tatsache zusammen, die sie als höchst ungerecht empfindet – aber daran ist nicht zu rütteln, denn im
19. Jahrhundert war eine Karriere als Wissenschaftlerin für Frauen nicht vorgesehen. 

Ihr Wissen über Insekten und ihre Kunstfertigkeit dabei, die Tiere zu zeichnen, beeindrucken Edward Scales. Wie durch einen Zufall begegnen sich die beiden – doch schon bald ahnt der Leser, dass Scales nicht ganz aufrichtig ist. Martha Lea erzählt die Geschichte einer jungen Frau, die von Emanzipation träumt, und dafür ein großes Risiko eingeht. Denn Gwen begleitet Scales auf eine Forschungsreise nach Brasilien, was sich letztendlich als ein lebensgefährliches Abenteuer erweist. Erstaunt stellt der Leser fest: Nahezu alle Helden dieses Romans haben ihre Geheimnisse – und die Autorin versteht sich meisterhaft auf Irrwege und Andeutungen. 

Prädikat: **

Pierre Martin: Madame le Commissaire und die späte Rache (Knaur)

Boule spielen, die Ruhe und den Duft der Lavendelfelder genießen – nach einem Attentat hat sich Kommissarin Isabelle Bonnet gegen Paris und für die Provence entschieden. Eigens für sie wurde daher eine Stelle im beschaulichen Fragolin geschaffen. Dort soll sie sich mit alten, unaufgeklärten Fällen aus der Region beschäftigen, wenn sie Lust dazu hat. Doch bevor sie auch nur eine Akte in der Hand hält, stolpert sie beim Spaziergang am Strand über eine grauenhaft zugerichtete Leiche. So etwas scheint in dieser Gegend kein Einzelfall zu sein, stellt die Kommissarin dann fest: Ihr Assistent Apollinaire stößt in den Akten auf einen alten Mord, bei dem ein Mann mit einer Mistgabel traktiert wurde. Eine weitere Leiche hatte ein Kondom über dem Kopf; die Hinweise sind eindeutig. Bonnet entdeckt Gemeinsamkeiten zwischen den Verbrechen, die alle übersehen haben. Sie findet eine Spur – und sie findet kurz darauf auch den Täter. Ein sehr gelungener Krimi, mit einem tragischen Finale.

Prädikat: ***

Montag, 1. Februar 2016

Su Turhan: Anstich (Knaur)

Das Oktoberfest ist vorbei. Bei den Auf- räumarbeiten werden in einem riesigen Haufen Müll drei Leichen gefunden: Ein Renter-Ehepaar, das offenbar beim Anblick einer Wildschwein-Horde vor Schreck gestorben ist, und ein arabisch aussehender Mann im Kaftan. Katerstimmung in München – und Kommissar Zeki Demirbilek, Leiter der Soko Migra, kann sein Romantik- wochenende in Istanbul vergessen. 
Und es kommt noch dicker: Es reicht nicht aus, dass er bei seinen Ermittlungen mit Kommissar Pius Leipold zusammenarbeiten muss. Obendrein bereiten sein Sohn Aydin und dessen schwangere Freundin Yale ihre Hochzeit vor – was zunächst Anlass gibt zu ebenso temperamentvollen wie anstrengenden Auseinandersetzungen, und dann zu der Feststellung, dass sich das Paar nicht mehr liebt. Gegen soviel Durcheinander hilft nur ein gutes Bier – und dann stürzt sich Kommissar Pascha in die Ermittlungen. 
Su Turhan lässt vor den Augen des Lesers ein Panoptikum Münchner Originale aufmarschieren; er schildert Szenen, die urkomisch sind – und lässt dann gekonnt die Handlung kippen, so dass einem das Schmunzeln im Gesicht einfriert. Dieses Buch ist ohne Zweifel der bislang beste Krimi des  Autors, voll Trubel und Chaos, spannend bis zur letzten Seite – und natürlich gelingt die Aufklärung des Falles zum Schluss mit einer gänzlich unerwarteten Wendung.

Prädikat: ***