Geschichten sind das magische Zentrum, das Herz einer jeden Familie. Das gilt auch für die Familie des Weltbürgers Boris Kálnoky - in München geboren, ungarischer und amerikanischer Staatsbürger, aufge- wachsen in vier Ländern. Doch als er schließlich seiner Heimat begegnet, hat dieses Erlebnis die Wucht eines Erdbebens: "Wir lernten alle möglichen Sprachen, es war ein schönes Leben, und nie hatten wir den Eindruck dazuzugehören, zu dem Land, in dem wir gerade lebten", beschreibt es Kálnoky. "Und dann dieser Tag in Köröspatak - wildfremde Menschen, die einen wiedererkennen, obwohl man noch nie da war, die einen küssen, umarmen und die Wangen tätscheln, und in die Augen sehen mit einem wachen Ausdruck, der prüft, bejaht und willkommen heißt, willkommen daheim, und ein jäher, scharfer Schmerz, dass man solches noch nie erfahren, noch nie dazugehörte."
Der Autor beginnt, sich mit der Geschichte seiner Vorfahren aus- einanderzusetzen - und diese beginnt, sagen die Urkunden, als der König der Ungarn seinem Urahnen Bencenc 1252 ein Stück Land im Széklerland, im südlichen Karpatenbogen, schenkte. 1697 wird der Familie der Grafentitel verliehen. Ende des 19. Jahrhunderts diente ein Kálnoky Kaiser Franz Joseph als Außenminister. Doch nicht alle Familienmitglieder sind gleichermaßen wohlhabend; so bekommt die Familienchronik, die Kálnoky hier mit großer Sorgfalt zu Papier bringt, so manchen Farbtupfer. Mit dem Zerfall der k.u.k. Doppel- monarchie aber wurde das Leben in Köröspatak bereits kompliziert, berichtet der Autor. Und nach dem Zweiten Weltkrieg mussten die Familienmitglieder endgültig fliehen; sie konnten bestenfalls ihr Leben retten. Insofern steht diese Familiengeschichte exemplarisch für viele andere, die einst irgendwo im Osten über viele Genera- tionen eine Existenz aufgebaut hatten. Man darf gespannt sein, ob es den Kálnokys im heutigen Rumänien gelingt, die Geschichte weiter fortzuschreiben, die einst ihre Ahnen begonnen hatten. Ein außer- ordentlich spannendes Buch, das deutlich macht, wie politische Entscheidungen das Leben des Einzelnen beeinflussen und prägen.
Prädikat: *****
Montag, 9. April 2012
Derek Nikitas: Scheiterhaufen (Knaur)
Lucia ist eine ganz normale Fünfzehn- jährige - doch als ihr Vater, ein Literatur- professor, bei einem missglückten Raub- überfall vor ihren Augen erschossen wird, ist ihr sorgloses Leben zu Ende. Denn ihre Mutter versucht, sich das Leben zu nehmen, und verliert dabei ihr Gedächtnis. Und Nachbar Quinn, so etwas wie ihre Jugendliebe, erweist sich als Mitglied einer Bande; Luc, entführt, um eine größere Geldsumme zu erpressen, erkennt in einem seiner Kumpane den Mörder ihres Vaters. Wer Thriller liebt, die in einem Blutbad enden, der wird an diesem Buch Vergnügen finden.
Prädikat: **
Prädikat: **
Sonntag, 8. April 2012
Vanessa Diffenbaugh: Die verborgene Sprache der Blumen (Droemer)
Die achtzehnjährige Victoria hat in ihrem Leben bisher nicht viel positives erlebt. Denn sie kennt nur Waisenhäuser und Pflegefamilien, und weil sie sich schon früh kratzbrüstig und widerspenstig gab, wurde das Mädchen wie ein Gegenstand weiter- gereicht. Victoria mag nur Blumen, denn sie erinnern sie an ihre Zeit bei Elizabeth, die sie wie eine Tochter angenommen und ihr die Sprache der Blumen beigebracht hat.
Das das ist Vergangenheit. Ein Job in einem kleinen Blumenladen hilft Victoria zumindest, Hunger und Obdachlosigkeit zu besiegen. Doch dann trifft sie beim Einkauf im Großmarkt den Gärtner Grant - und muss feststellen, dass er ebenfalls die Sprache der Blumen versteht. Eine Liebesgeschichte beginnt, die ebenso schwierig ist wie ihre Hauptpersonen, schwankend zwischen Nähe und Distanz, mit starken Gefühlen, großen Katastrophen und einem überraschenden Ende. Erwähnt sie hier zudem, dass der Verlag dieses Buch mit großer Sorgfalt gestaltet und in einem wunderschönen Kästchen verpackt hat.
Prädikat: ***
Das das ist Vergangenheit. Ein Job in einem kleinen Blumenladen hilft Victoria zumindest, Hunger und Obdachlosigkeit zu besiegen. Doch dann trifft sie beim Einkauf im Großmarkt den Gärtner Grant - und muss feststellen, dass er ebenfalls die Sprache der Blumen versteht. Eine Liebesgeschichte beginnt, die ebenso schwierig ist wie ihre Hauptpersonen, schwankend zwischen Nähe und Distanz, mit starken Gefühlen, großen Katastrophen und einem überraschenden Ende. Erwähnt sie hier zudem, dass der Verlag dieses Buch mit großer Sorgfalt gestaltet und in einem wunderschönen Kästchen verpackt hat.
Prädikat: ***
Friedrich Ani: Süden und die Schlüsselkinder (Knaur)
Kurz vor Weihnachten verschwindet der zehnjährige Adrian aus einem Kinder- schutzhaus. Detektiv Tabor Süden, ein Meister im Aufspüren von Vermissten, soll ihn suchen. Dabei orientiert er sich an SMS, die der Junge seiner Freundin Fanny schickt. Denn damit zeigt Adrian an, welche Personen und Orte er aufsuchen möchte. Die Geschichte ähnelt zunächst einer Schnitzeljagd. Doch sie ist mitnichten fröhlich, und so ist Süden letztendlich froh, dass den kleinen Helden nichts passiert ist. Dem Leser wird schon bald klar: Auf eine Familie können Kinder wie Adrian nicht bauen. Eine beklemmende Milieustudie, von Friedrich Ani brillant in einen Roman verpackt, den man einen Krimi nicht mehr nennen möchte.
Prädikat: *****
Prädikat: *****
Tanja Kinkel: Das Spiel der Nachtigall (Droemer)
Über die Lebensgeschichte des Minne- sängers Walther von der Vogelweide ist nahezu nichts bekannt. Das wenige, was zu erfahren ist, verrät der Dichter in seinen Werken. Tanja Kinkel hat die Splitter eingesammelt und zu einem Lebensbild zusammengefügt. Sie erzählt die Geschichte eines Dichters, der aus einfachsten Verhältnissen stammt, aber schon früh begreift, dass Worte Waffen sind, die die Mächtigen dieser Welt mindestens ebenso fürchten wie Dolch und Schwert. Ein schöner Historienroman über jene Zeit, als sich die Staufer mit den Welfen um die Kaiserkrone stritten, komponiert mit Sorgfalt und Sachverstand.
Prädikat: ****
Prädikat: ****
Toni Feller: Das Gesucht des Todes (Heyne)
"Authentische Mordfälle" verspricht dieses Büchlein aus dem Heyne Verlag. Autor Toni Feller, Kriminalhauptkommissar, ist seit 1985 bei der Mordkommission des Polizeipräsidium Karlsruhe. Er weiß also, worüber er schreibt. Auch wenn er Mitglied der Polizei-Poeten ist - leider weiß er nicht wirklich, wie man schreibt. Auch ein Lektor scheint ihn nicht unterstützt zu haben, und das macht die Lektüre zu einer Strapaze. Dieses Buch ist so hausbacken wie Tante Ernas Tagebuch; ich kann es dem geneigten Publikum daher nicht empfehlen - trotz der spektakulären Mordfälle.
Prädikat: *
Prädikat: *
Maria, Mord und Mandelplätzchen (Knaur)
Ich gebe es zu - es ist nicht ganz der richtige Zeitpunkt, um einen Band vorzustellen, der ausschließlich Weihnachtskrimis enthält. Doch wer Verwandtschaft hat, die einen Krimi-Adventskalender schätzt, der sollte sich diesen hier rechtzeitig besorgen. Denn dieses Buch hat es in sich. Es enthält 24 superfiese Geschichten von 24 deutschen Autoren. Nicht alle davon sind bereits Stars. Doch ihre Krimis zeigen, dass sie das Zeug dazu haben, denn jede dieser Kurzgeschichten hat eine außerordentlich delikate Pointe. Da ist die junge Mutter, die kein Geld hat, Weihnachtsgeschenke für ihre Kinder zu kaufen, und die in ihrer Verzweiflung beschließt, eine Bank zu überfallen. Dummerweise ist sie nicht die einzige, die auf diese Idee gekommen ist. Sandra Lüpkes berichtet auf dreieinhalb Seiten, warum seitdem die Kinder der davon überzeugt sind, dass in Wahrheit nicht der Weihnachtsmann, sondern der Bankdirektor die Geschenke bringt - meine persönliche Lieblingsgeschichte. Doch die anderen sind genauso gut. Stille Zeit, tödliche Zeit - und sämtliche Krimis spielen zwischen Sylt und Zugspitze.
Prädikat: ****
Prädikat: ****
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