Montag, 1. Februar 2016

Su Turhan: Anstich (Knaur)

Das Oktoberfest ist vorbei. Bei den Auf- räumarbeiten werden in einem riesigen Haufen Müll drei Leichen gefunden: Ein Renter-Ehepaar, das offenbar beim Anblick einer Wildschwein-Horde vor Schreck gestorben ist, und ein arabisch aussehender Mann im Kaftan. Katerstimmung in München – und Kommissar Zeki Demirbilek, Leiter der Soko Migra, kann sein Romantik- wochenende in Istanbul vergessen. 
Und es kommt noch dicker: Es reicht nicht aus, dass er bei seinen Ermittlungen mit Kommissar Pius Leipold zusammenarbeiten muss. Obendrein bereiten sein Sohn Aydin und dessen schwangere Freundin Yale ihre Hochzeit vor – was zunächst Anlass gibt zu ebenso temperamentvollen wie anstrengenden Auseinandersetzungen, und dann zu der Feststellung, dass sich das Paar nicht mehr liebt. Gegen soviel Durcheinander hilft nur ein gutes Bier – und dann stürzt sich Kommissar Pascha in die Ermittlungen. 
Su Turhan lässt vor den Augen des Lesers ein Panoptikum Münchner Originale aufmarschieren; er schildert Szenen, die urkomisch sind – und lässt dann gekonnt die Handlung kippen, so dass einem das Schmunzeln im Gesicht einfriert. Dieses Buch ist ohne Zweifel der bislang beste Krimi des  Autors, voll Trubel und Chaos, spannend bis zur letzten Seite – und natürlich gelingt die Aufklärung des Falles zum Schluss mit einer gänzlich unerwarteten Wendung.

Prädikat: ***

Donnerstag, 28. Januar 2016

Kate Riordan: Im Spiegel ferner Tage (Heyne)

Alice, 22 Jahre jung und Schreibkraft bei einem Verleger in London, hat eine Affäre mit den Buchhalter. Als sie feststellt, dass sie schwanger ist, ist diese Beziehung schon lange vorbei – doch was nun? 
Die Mutter schickt Alice zu einer Bekannten auf ein Gut im malerischen Gloucestershire. Dort soll sie leichte Hausarbeit verrichten, und ihr Kind zur Welt bringen, damit niemand etwas mitbekommt. Denn damals, 1932, war ein uneheliches Kind ein Desaster, und ruinierte die Aussichten einer jungen Frau auf eine Heirat endgültig. Heiraten aber soll Alice; auch wenn sie derzeit noch von ganz anderen Dingen träumt als von einem Ehemann nebst Häuschen und Kinderschar. 
Fiercombe Valley erweist sich als ein magischer Ort. Wenn sie nicht unter Aufsicht von Mrs Jelphs Silber poliert oder Vorhangquasten sortiert, erkundet Alice das Anwesen. Im Sommerhaus findet sie das Tagebuch der einstigen Gutsherrin Elizabeth, und Nachbarn berichten ihr mehr über die Gebäude und ihre früheren Bewohner. Die Lebensgeschichte von Elizabeth, die sie allmählich erfährt, berührt sie auf eigentümliche Weise, ebenso wie Fiercombe, das offenbar seine Eigenheiten hat. Doch noch während sie nach den Spuren der schönen Gutsherrin sucht, beginnt eine neue Liebesgeschichte. Denn Alice lernt Thomas Stanton kennen, den Erben, der das Gut in naher Zukunft übernehmen soll. 
Kate Riordan schreibt einfühlsam und erzählt so detailreich, dass der Leser Fiercombe Manor und seine Bewohner geradezu vor sicht sieht. Ein gelungenes Buch, spannend bis zur letzten Seite. 

Prädikat: ***

Mittwoch, 27. Januar 2016

Mechtild Borrmann: Die andere Hälfte der Hoffnung (Droemer)

Ein alter Mann versteckt eine junge Frau, die offensichtlich verfolgt wird. Sie stammt aus Osteuropa, und sie will nicht nach Hause zurückkehren ohne ihre Freundin, der die Flucht nicht gelungen ist. Nach Deutschland gekommen ist sie als Studentin – das jedenfalls glauben die Mädchen, bis sie endlich begreifen, dass sie nur eine Handelsware sind. 
Das Leben in der Heimat aber ist auch kompliziert. Walentyna, die Mutter der Freundin, wartet vergeblich auf die versprochenen Briefe. Um nicht zu verzweifeln, schreibt sie ihre Lebensgeschichte auf – und Autorin Mechtild Borrmann macht mit diesem Wechsel der Erzählperspektive deutlich, dass dort, wo Kateryna und Olena herkommen, ein Menschenleben ebenfalls wenig zählt. Handwerklich geschickt berichtet sie über die Katastrophe von Tschernobyl und macht deutlich, welche Folgen sie auch langfristig für die Betroffenen hat. 
In der Ukraine ermitteln vier Polizisten, die einander nicht trauen, denn Gründe zum Verrat gibt es viele, und niemand weiß, wer letztendlich auf welcher Seite steht. Als der Milizionär Leonid Kyjan tatsächlich eine Spur findet, wird er entlassen. Trotzdem reist er nach Deutschland, und ihm gelingt es, gemeinsam mit den deutschen Kollegen die Menschenhändler zumindest zu stören. Wer diesen Krimi gelesen hat, der ahnt, dass das Geschäft weitergehen wird – mit anderen Handlangern, vielleicht auch an einem anderen Ort. 

Prädikat: ***

Val McDermid: Der lange Atem der Vergangenheit (Droemer)

In einem Türmchen auf dem Dach eines seit vielen Jahren leerstehenden Schulgebäudes in Edinburgh wird ein Skelett gefunden – mit einem Einschussloch im Schädel. Ein Fall für Detective Chief Inspector Karen Pirie und ihre Cold Cases Unit. Und ein Zufall hilft ihr bei der Suche. Denn der Tote hatte die Schlüsselkarte eines Hotels in seiner Hosentasche. Und auf dem Magnetstreifen dieser Plastikkarte finden sich darüber hinaus noch Spuren einer Bankverbindung. 
Parallel zu ihren Nachforschungen erzählt Autorin Val McDermid die Geschichte von Maggie Blake. Die Professorin an der Universität Oxford ist Expertin für das frühere Jugoslawien. Sie hat den Balkankrieg in Dubrovnik erlebt – und sich dort in Dimitar Petrovic verliebt, einen kroatischen General, der wohl auch für den Geheimdienst tätig war. Gemeinsam lebten sie in England, bis der Mann urplötzlich und spurlos verschwand. Blake vermutet, er habe alle Brücken abgebrochen, um in seiner Heimat alte Rechnungen zu begleichen. 
Das denken auch die Experten vom Internationalen Strafgerichtshof. Sie stellen fest, dass ihnen mehrfach ein Unbekannter in die Quere gekommen ist, und Kriegsverbrecher getötet hat, bevor sie verhaftet werden konnten. Auch sie setzen alles daran, den Täter zu finden. Diese drei Handlungsstränge führt Val McDermid gekonnt zu einem Krimi zusammen, der es in sich hat. Denn im ehemaligen Jugoslawien sind grausige Dinge geschehen – mitten in Europa, unter angeblich zivilisierten Menschen.

Prädikat: ****

Sonntag, 24. Januar 2016

Kristine Bilkau: Die Glücklichen (Luchterhand)

Cellistin Isabell und Redakteur Georg sind ein Paar, ein glückliches, mit einer Wohnung in bester Lage, mit Parkett und hohen Räumen. Mit der Geburt von Sohn Matti wächst aber nicht ihr Glück nicht wirklich. Beide fühlen sich unter Druck, und sind verunsichert: Isabell will zurück in ihr Musicalorchester – doch wenn sie ein Solo spielen muss, zittern nun ihre Hände. Und in Georgs Redaktion wollen Gerüchte nicht verstummen, der Verlag wolle die Zeitung verkaufen. 
Das Haus wird saniert; im Treppenhaus hängt jetzt ein Kronleuchter, und der Vermieter schickt eine Mieterhöhung. Die jungen Eltern beginnen zu zweifeln, zu rechnen und zu vergleichen – jeder für sich, denn miteinander reden sie immer weniger. Und wenn sie durch die Straßen laufen, dann lautet plötzlich die Botschaft all der Wohnungen mit den geschmackvollen Wandfarben und den Bücherregalen: Wir können, ihr nicht. Das Kiez mit seinen Cafés und Läden, dem Park und den Spielplätzen mit all den anderen Eltern ist auf einmal nicht mehr ihres. Kristine Bilkau zeigt uns in ihrem Debütroman eine Generation, die keinen Plan B hat – Perfektion als Lebensziel, Scheitern ist da nicht vorgesehen. Diese Menschen verhungern vor der vollen Krippe, weil sie denken, dass sie nur von ihrem goldenen Tellerchen und mit ihrem silbernen Gäbelchen essen können. Und so lebten sie sich denn auseinander. Was für ein schäbiges Paradies! 

Prädikat: ****

Samstag, 23. Januar 2016

Andrea Sawatzki: Der Blick fremder Augen (Droemer)

Eine Tote lehnt am Stamm einer Kiefer, die Kehle durchgeschnitten, und ein toter Hund ist bei ihr. Es ist die Vermieterin, die ihrer Mieterin die Kündigung angedroht hat. Und das erfahren wir Leser sehr viel schneller als die Polizei. Andrea Sawatzki schildert in ihrem Buch, wie eine junge Frau nach einer schwierigen Kindheit und einer Fehlgeburt geistig abdreht. Katrin hat Angstzustände, und sie bezieht jeden dummen Spruch und jeden schiefen Blick in ihrer Umgebung auf sich. Wie in einem Film wechseln die Szenen, kurz, drastisch, cut – und immer enger wird der Horizont der Kranken. Die Figuren, die Sawatzki zeichnet, sind zumeist ziemlich holzschnittartig angelegt. Das gilt nicht nur für die Gestalten, die die Kranke verzerrt wahrnimmt, sondern beispielsweise auch für den weichgespülten Oberkommissar Steffen Müller an der Seite ihrer Ermittlerin, der Kommissarin Melanie Fallersleben – im Buch wird sie kurioserweise auch „Falkenberg“ genannt. Und wie kann es sein, dass ein Oberkommissar Assistent einer Kommissarin ist? Bei allem Lesesog – aber hier hätte das Lektorat mehr Sorgfalt walten lassen sollen. Die handwerklichen Mängel sind so groß, dass sie das Lesevergnügen doch deutlich beeinträchtigen. Schade! 

Prädikat: *

Jörg Maurer: Felsenfest (Fischer)

Ein Klassentreffen mit Höhepunkt: Die Teilnehmer steigen gemeinsam auf einen Berg. Doch auf dem Gipfel, hoch droben über einem idyllischen alpenländischen Kurort, verwandelt sich einer von ihnen in einen maskierten, brutalen Geiselnehmer. Er verlangt nach Informationen, was ziemlich seltsam erscheint, und stürzt eine Geisel in den Abgrund hinab. 
Wer ist der Täter, und was will er eigent- lich? Das fragt sich Kommissar Jennerwein, nachdem die Polizei die Geiselnahme beendet und alle Beteiligten erst einmal festgesetzt hat. Dummer- weise kennt er die gesamte Truppe; es sind seine früheren Klassen- kameraden. Der sechste Alpenkrimi von Bestseller-Autor Jörg Maurer bietet Unterhaltung auf höchstem Niveau. Er spielt mit süddeutschen Befindlichkeiten, und führt dank uralter Verträge das Werdenfelser Land an den Rand einer Staatskrise. Ach ja, und natürlich wird der Geiselnehmer gefasst. Dass dieser Ermittler mittlerweile Kultstatus hat, verblüfft nicht. 

Prädikat: ***